Sonderfälle: Behandlung bei fortgeschrittenem Prostatakarzinom

Bestrahlung der Lymphabflusswege

Unter Umständen kann es notwendig sein, dass bei Ihnen die Lymphabflusswege des Beckens bestrahlt werden müssen. Über das Lymphgefäßsystem können kleinste Absiedelungen des Prostatakarzinoms in den Blutkreislauf gelangen und sich in anderen Organen wie z.B. den Knochen absiedeln. Praktisch bedeutet dies, dass die Bestrahlungsfelder in den ersten 5 Wochen der Bestrahlung deutlich vergrößert werden müssen. Aus diesem Grund können auch etwas veränderte Akutreaktionen und Spätreaktionen unter der Bestrahlung auftreten. Genauere Informationen finden Sie im Abschnitt „Mögliche Komplikationen und Folgen der Strahlentherapie“.

Strahlentherapie nach radikaler Prostatektomie

Eine besondere Situation kann entstehen, wenn sich nach der radikalen Operation herausstellt, dass der Tumor die Organkapsel der Prostata („pT3-Karzinom“) überschritten hatte und/oder der Tumor nicht sicher im Gesunden entfernt werden konnte und in den chirurgischen Schnittrand hineinreichte („R1-Resektion“). Der Urologe kann vor der Operation dieses Problem nicht erkennen, erst der Pathologe kann bei Durchsicht der Präparate unter dem Mikroskop abschließend feststellen, ob der Tumor komplett im Gesunden entfernt worden ist. In diesem Fall kann Ihnen eine Nachbestrahlung der ehemaligen Prostataregion empfohlen werden, um möglicherweise verbliebene kleinste Tumorreste zu vernichten.

Diese Strahlentherapie wird technisch genauso durchgeführt wie die bereits beschriebene „perkutane“ Strahlentherapie. Sie hat jedoch den Vorteil, dass die gesamte Bestrahlungsdosis geringer ist als bei der alleinigen Bestrahlung von außen. Dadurch ist das Risiko noch geringer, an Spätfolgen der Therapie zu erkranken. Wichtig für Sie ist, dass die Bestrahlung in der Regel erst 8 - 10 Wochen nach der Operation beginnt, wenn die Kontinenz (Fähigkeit des Harnhaltens) zumeist wieder vorhanden ist.

Durch die Strahlentherapie wird die Kontinenz, die Sie bereits wieder erreicht haben, nicht verschlechtert. Unter Umständen kann jedoch der Wunsch des Strahlentherapeuten, Sie mit voller Harnblase zu bestrahlen, nach der Operation ein Problem werden. Wenn Sie die Blase nicht genügend füllen und den Urin dann anhalten können, kann es notwendig werden, eine sogenannte „Penisklemme“ anzulegen. Dieses geschieht jedoch nur während der Zeit der Bestrahlung, sie kann anschließend wieder abgelegt werden.

Eine heutzutage häufige Situation, die über die Jahre nach der Operation fast 50 % der Patienten mit Prostatakarzinom je nach Tumorstadium betreffen kann, ist der Wiederanstieg des PSA-Wertes aus dem nicht messbaren Bereich („Null-Bereich“) oder, dass der PSA-Wert nach der Operation überhaupt nicht den gewünschten Null-Bereich erreicht hat. In dieser Situation ist die perkutane Strahlentherapie die einzige Option, um Sie von diesem wiederkehrenden Tumor noch heilen zu können. Wichtig ist, dass die Strahlentherapie frühzeitig eingeleitet wird, wenn der PSA-Wert noch nicht sehr hoch ist. Hierdurch sind die Chancen der Heilung beträchtlich höher, als wenn Sie erst mit einem hohen PSA-Wert behandelt werden. Es kann sein, dass zur möglichen Lokalisation des „Rezidiv-Tumors“ ein PET-CT oder eine Kernspintomographie (MRT) des Beckens durchgeführt wird. Wenn hier der Tumor sichtbar ist, kann der Strahlentherapeut hieraus in Bezug auf die Bestrahlungstechnik und die Bestrahlungsgesamtdosis Konsequenzen ziehen. Grundsätzlich wird diese Strahlentherapie technisch genauso durchgeführt wie die vorher beschriebene perkutane Strahlentherapie. Auch bei ihr kann das Risiko möglicher Akut- und Spätfolgen durch besondere Techniken wie den Einsatz der „bildgestützten Strahlentherapie – IGRT“ weiter verringert werden.

Wenn Sie nach der Bestrahlung mit Ihrem PSA-Wert wieder den nicht messbaren Bereich erreichen, haben Sie erneut die Chance der Heilung.

Strahlentherapie in Kombination mit einer Hormonentzugstherapie

Das Prostatakarzinom gehört zu den hormon„empfindlichen“ Tumoren: es wird durch das Testosteron (männliches Geschlechtshormon) zum Wachstum angeregt und durch den Entzug oder die Blockade des Testosterons verkleinert oder das Wachstum zumindest gestoppt. Anders als bei der Operation oder der Strahlentherapie wird der Tumor durch die Hormontherapie jedoch nicht vollständig entfernt oder abgetötet. Der Effekt der Hormontherapie hält bei wiederholter Applikation über mehrere Jahre an. Bei den meisten Patienten kommt es dann wieder zu einer erneuten Größenzunahme des Tumors.

Die Wirkung der Hormontherapie macht man sich vor und nach der Strahlentherapie bei fortgeschrittenen Tumoren zunutze, um die Effektivität der Bestrahlung zu erhöhen. Bei fortgeschrittenen Tumoren wird die Strahlentherapie in der Regel mit einer Hormontherapie kombiniert. Eine Möglichkeit ist eine Hormonentzugstherapie über drei Monate vor Beginn der Strahlentherapie („neoadjuvante Hormontherapie“). Dabei werden (über 3 - 4 Wochen) Tabletten eingenommen und zusätzlich Depot-Spritzen (meist eine 3 - 6 Monatsdepot-Spritze) verabreicht. Durch diese Therapie wird einerseits die Prostata verkleinert. Eine kleinere Prostata bedeutet auch ein kleineres Bestrahlungsfeld und damit geringere Risiken von Akut- und Spätnebenwirkungen.

Andererseits wird der Tumor kleiner, auch wenn nicht alle bösartigen Zellen auf diese Therapie ansprechen. Da der kleinere Tumor dann ab dem 4. Monat bestrahlt wird, sind die Chancen der Vernichtung des Tumors besser. Häufig wird die Hormontherapie mit dem Ende der Strahlentherapie nach 4 - 6 Monaten beendet. In bestimmten Fällen ist jedoch auch eine jahrelange Fortführung der Hormontherapie nach der Strahlentherapie notwendig.

Die möglichen Nebenwirkungen der Hormontherapie sind: Impotenz, Hitzewallungen, Gynäkomastie, Stimmungsschwankungen und bei langfristiger Anwendung eine Abnahme des Knochenmineralgehaltes etc. Diese Nebenwirkungen bilden sich nach dem Ende der Hormontherapie wieder zurück. Insbesondere wird in der Regel die Potenz wieder zurückkehren, sofern sie nicht durch die Strahlentherapie vermindert wurde.

Strahlentherapie mit Protonen

In den letzten Jahren ist die Strahlentherapie mit Protonen in den Vordergrund gerückt. Dieses Verfahren wird zur Zeit in Deutschland aber nur an wenigen Zentren angeboten. Grundsätzlich bietet der Protonenstrahl aus physikalischer Sicht theoretisch einige Vorteile gegenüber dem Photonenstrahl. In der Theorie könnte hierdurch mehr gesundes Normalgewebe geschont werden. Grundsätzlich läuft die Bestrahlung mit Protonen identisch ab wie die bisher beschriebene Bestrahlungstherapie mit Photonen.

Zum jetzigen Zeitpunkt liegen keinerlei Daten vor, die belegen würden, dass die Ergebnisse der Protonentherapie bei der Tumorkontrolle besser wäre als eine mit moderner Technik durchgeführte Photonentherapie. Die Ergebnisse sind vergleichbar gut. Die möglicherweise geringere Rate an Spätfolgen im Bezug auf den Enddarm und die Blase sind bisher wissenschaftlich nicht bewiesen. Die Kosten dieser Therapie betragen jedoch ein mehrfaches der Kosten der modernen Photonentherapie. Bis zur Klärung der Frage, ob die Protonentherapie bei Tumoren der Prostata Vorteile bietet, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie, diese Patienten an den Deutschen Protonentherapiezentren in Studien einzubringen. Sollten Sie hierüber weitere Informationen wünschen, besuchen Sie im Internet die Homepage der „Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie-DEGRO“.

Bildgestützte Strahlentherapie (IGRT)

IGRT mit drei Gold-Markern
Abb. 16 IGRT mit drei Gold-Markern

Unter der „bildgestützten Strahlentherapie“, englischsprachig auch „Image-Guided-Radiotherapy“ – IGRT genannt, sind neuere Techniken zusammengefasst, mit deren Hilfe direkt vor Auslösung des Strahls, unter Umständen an jedem einzelnen Bestrahlungstag, die Lage der Prostata sehr präzise bestimmt werden kann. Hintergrund ist die Problematik, dass die Prostata sich je nach Enddarm- oder Blasenfüllung unterschiedlich bewegen kann. Diese Bewegungen können im Tagesverlauf bis zu 15 mm ausmachen. Damit trotzdem die Prostata korrekt bestrahlt wird, wird also ein „Sicherheitssaum“ um die Prostata benötigt, innerhalb dessen auch gesundes Normalgewebe wie der Enddarm oder die Blase bestrahlt werden muss. Ziel der IGRT ist es, diesen Saum gesunden Normalgewebes dadurch zu verringern, dass direkt vor Auslösung des Strahls eine Kontrolle der Prostata in der Bestrahlungsposition des Patienten auf dem Bestrahlungstisch erfolgt.

Es existieren unterschiedliche Varianten dieser sogenannten IGRT. Die häufigsten sind:

  • Goldseedmarker, die in die Prostata implantiert werden und dauerhaft verbleiben,
  • der stereotaktische Ultraschall („BAT-Ultraschall“),
  • das Conebeam-CT.

Während bei der Goldseedmarkerimplantation in der Regel 3 kleine Goldmarker von wenigen Millimetern Länge in spezielle Bereiche der Prostata implantiert werden, ist dieses bei der Lageüberprüfung mit dem Ultraschall vor der Bestrahlung und mit dem Conebeam-CT nicht notwendig. Die Goldmarker können unter einer direkt vor der Bestrahlung ausgelösten Durchleuchtung der Bestrahlungsregion sicher identifiziert werden. Die Bilder werden dann mit dem Bestrahlungs-Planungs-CT fusioniert. Nach dieser Fusion kann die Tischbewegung in allen Richtungen errechnet werden, damit der Strahl genau die gewünschte Position und damit die Prostata trifft. Bei dem stereotaktischen Ultraschall kann durch ein spezielles Ultraschallsystem, das mit dem Planungs-System verbunden ist, diese Tischdifferenz ebenfalls bestimmt werden.

Bei dem sogenannten „Conebeam“ – CT wird vor Strahlauslösung ein computertomographischer Querschnitt durch die Bestrahlungsregion durchgeführt. Hierbei fährt das Gerät einmal um den gesamten Körper herum. Auch hier erfolgt die Bildfusion mit dem Bestrahlungsplanungs-CT. In Abbildung 16 können Sie exemplarisch anhand von drei kleinen Goldseedmarkern erkennen, wie nach einer Tischverschiebung von 4 mm die Prostata präzise korrekt positioniert ist. Durch den Einsatz dieser IGRT kann der Sicherheitssaum um die Prostata oder Prostataloge herum um etwa 30 - 40 % reduziert werden.