Anhang: Hormonentzugstherapie

Was bedeutet "systemische Hormonentzugstherapie"?

Leider kann es vorkommen, dass ein Prostatakarzinom als nicht mehr operabel (inoperabel) eingestuft werden muss. Ursachen der Inoperabilität können sein:

Für diese Fälle existieren mehrere Therapiemöglichkeiten, deren wichtigster Bestandteil die sog. systemische Hormonentzugstherapie ist.

Abb. 12

Bedeutung der Geschlechtshormone beim Prostatakarzinom

Als Hormone werden Botenstoffe bezeichnet, die in vielfältiger Weise in alle Körperfunktionen eingreifen. Sie werden von bestimmten Organen gebildet und unterliegen einem Steuerungsmechanismus, der sich entweder direkt aus der Funktion eines Organs im Sinne einer Rückkopplung oder im Zusammenspiel mit einem übergeordneten Kontrollzentrum ergibt. Auch die Geschlechtsentwicklung und die Funktion der Prostata werden hormonell gesteuert. Übergeordnetes Kontrollzentrum ist das Zwischenhirn bzw. die Hirnanhangdrüse (Hypophyse), die stimulierende Hormone für die Geschlechtsdrüsen abgibt. Auf diese Weise erfolgt unter anderem eine Stimulation der Hoden, die dann das männliche Geschlechtshormon Testosteron produzieren, welches wiederum das Prostatawachstum bzw. das Wachstum der Prostatakarzinomzellen beeinflusst. Für das Verständnis der verschiedenen Therapiemöglichkeiten des Prostatakarzinoms ist das Wissen um diesen Regelkreislauf wichtig, da er auf unterschiedlichen Wegen beeinflusst werden kann (Abbildung 12).

Das männliche Geschlechtshormon Testosteron beeinflusst das Wachstum der Prostata und auch das des Prostatakarzinoms. Hierdurch besteht die Möglichkeit, ein weiteres Fortschreiten von Prostatawucherungen durch einen Eingriff in den Hormonhaushalt zu verlangsamen. Diese Entdeckung wurde bereits vor über 60 Jahren gemacht und wurde 1966 mit der Verleihung des Nobelpreises an den Chirurgen Charles Huggins gewürdigt.

Hormonentzugstherapie des Prostatakarzinoms

Um den Stellenwert der Hormonentzugstherapie auch im Vergleich zu den anderen Verfahren werten zu können, ist es wichtig zu verstehen, dass man leider nicht alle Prostatakrebszellen durch einen Entzug des männlichen Geschlechtshormons Testosteron abtöten kann.

Der das Wachstum hemmende oder den Tumor zurückdrängende Effekt kann sehr lange anhalten, ist aber leider nicht dauerhaft garantiert. Ursache hierfür ist, dass sich (1) das Prostatakarzinom dem Hormonentzug anpassen und dann hormonunabhängig weiter wachsen kann oder (2) nur diejenigen Prostatakrebszellen übrig bleiben, die von Anfang an hormontaub waren oder hormontaub geworden sind und dann später zu einem Voranschreiten des Tumors führen. Trotzdem ist die Hormonentzugstherapie insgesamt als eine höchst effektive Behandlungsmöglichkeit einzuschätzen.

Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten, die Hormonentzugstherapie durchzuführen:

  • medikamentöse Hemmung der Hormonbildung (Depot-Spritzentherapie mit GnRH-Agonisten),
  • medikamentöse Hemmung der Hormonwirkung (Tablettentherapie mit Antiandrogenen),
  • operative Entfernung (Ausschälung) des hormonproduzierenden Hodengewebes.

Die Durchführung einer medikamentösen Hormonentzugstherapie ist auf zwei unterschiedlichen Wegen möglich.

  • Die am häufigsten eingesetzte Methode ist, regelmäßig (einmal im Monat, alle drei oder alle sechs Monate) Medikamente in das Unterhautfettgewebe zu spritzen, die zu einer Blockierung der hodenstimulierenden Hormone der Hirnanhangdrüse führen, so dass kein Testosteron mehr in den Hoden produziert wird. Die Wirkung dieser in der Fachsprache als GnRH-Agonisten bezeichneten Substanzen ist mit derjenigen der operativen Hodengewebeentfernung vollkommen identisch.
  • Eine andere Möglichkeit ist die Gabe von Substanzen, die die Wirkung des im Hoden und auch in der Nebennierenrinde gebildeten männlichen Geschlechtshormons blockieren. Diese so genannten Antiandrogene besetzen die Anheftungsstelle des Testosterons an der Zelle, so dass das Geschlechtshormon nicht mehr in die Zelle aufgenommen werden kann und somit wirkungslos bleibt. Diese Wirkstoffe sind in Tablettenform verfügbar und müssen täglich eingenommen werden. Ob die alleinige Gabe dieser Antiandrogene derjenigen des operativen oder medikamentösen Hormonentzuges durch die so genannten GnRH-Agonisten gleichwertig ist, ist letztlich noch ungeklärt. Bei der Kombination von GnRH-Agonisten und Antiandrogenen spricht man von „kompletter“ Androgenblockade. Derzeitiger Standard ist die medikamentöse Therapie mit den GnRH-Agonisten.

Die operative Entfernung des Hodengewebes als Produktionsstätte des männlichen Geschlechtshormones (Testosteron) als Alternative ist ein kurzer und fast immer komplikationsloser Eingriff. Hierbei wird das hormonproduzierende Hodengewebe ausgeschält. Da die Hodenhüllen und die Nebenhoden belassen werden, ist äußerlich ein Unterschied kaum feststellbar. Trotzdem empfinden einige Patienten die Folgen dieser Operation als seelische Belastung.

Nach einer operativen Entfernung des Hodengewebes steht eine unterbrochene Hormonentzugstherapie als mögliche Therapiestrategie naturgemäß nicht mehr zur Verfügung, so dass der medikamentöse Hormonentzug heute im Vordergrund steht.

Nebenwirkungen der Hormonentzugstherapie

Normalerweise führt die Hormonentzugstherapie beim Mann zu Nebenwirkungen, die durch den Verlust der durch das männliche Geschlechtshormon stimulierten Körperfunktionen erklärt werden können. Es kommt zu nachlassendem Bartwuchs, einer Verminderung des Geschlechtstriebes, zum Verlust der Erektion, Hitzewallungen, einer in einigen Fällen schmerzhaften Brustschwellung und einer langsamen Knochenentkalkung.

Trotzdem dürfen diese Nebenwirkungen in Anbetracht des gesicherten Effektes auf das Prostatakarzinom nicht überbewertet werden. Bei Fragen zur möglichen Verminderung und zur Therapie bestimmter Nebenwirkungen steht Ihnen Ihr behandelnder Urologe als kompetenter Ansprechpartner gerne zur Verfügung.