Spezielles Risiko: Urinverlust

Abb. 6 und Abb. 7

Vor der Operation wird die Dichtigkeit für Urin durch drei Mechanismen (Abbildung 6) gewährleistet: den unwillkürlichen inneren Schließmuskel im Blasenhalsbereich (1), die passive Kompression durch die Prostata (2) und den willkürlichen äußeren Schließmuskel im Beckenbodenbereich (3). Nach der Operation muss der willkürliche äußere Schließmuskel im Beckenbodenbereich die Funktion, den Urin zu halten, alleine sicherstellen (Abbildung 7). Es ist sehr wichtig zu wissen, dass der verbliebene willkürliche Schließmuskel einige Zeit braucht, um diese Aufgabe vollständig und sicher übernehmen zu können. In aller Regel ist es sinnvoll, den Schließmuskel durch ein entsprechendes Training (Beckenbodengymnastik) zu stärken. Die meisten Patienten sind jedoch nach wenigen Wochen bis Monaten wieder in der Lage, ihren Urin zu halten. Die Faktoren, die die Zeitspanne bis zum Erreichen der Kontinenz (Fähigkeit, den Urin zu halten) beeinflussen, sind einerseits das Alter des Patienten (je jünger desto schneller) und andererseits eine möglicherweise vorbestehende gutartige Prostatavergrößerung mit Einengung der Harnröhre (2). In diesem Fall ist der willkürliche äußere Schließmuskel im Beckenbodenbereich schwächer, da er vorher weniger beansprucht wurde, und es ist eine längere Trainingsphase bis zum Erreichen der Kontinenz notwendig.

Nach der Katheterentfernung kommt es in der ersten Zeit noch zu einem unfreiwilligen Harnabgang über die Harnröhre. Es ist durchaus normal, dass es anfangs schwerfällt, den Urin zu halten. Dieser ungewollte Urinabgang tritt vor allem bei körperlicher Bewegung oder Anstrengung verstärkt auf. Die anfängliche Urinhalteschwäche ist normal und sollte sich bei fortgesetztem Beckenbodenmuskeltraining nach einiger Zeit zurückbilden. In der Phase des vorübergehenden unwillkürlichen Urinverlustes kann die Benutzung geeigneter Hilfsmittel (Vorlagen, Kondomurinale etc.) helfen, ein weitgehend normales Leben ohne größere Einschränkung der gewohnten Aktivitäten zu führen.

Vorlagen, Einlagen und weitere Hilfsmittel

Sie bestehen aus extrem saugstarken Materialien, die nach Schweregrad des Urinverlustes in Größe und Saugfähigkeit gestaffelt sind. Die Produktpalette der Hersteller reicht daher von der einfachen Vorlage bis zur Kombination von großer Vorlage und Netzhose. Diese Inkontinenzhilfen werden Ihnen nach der Operation verschrieben. Bei der Auswahl der für Sie geeigneten Produkte werden Sie durch Ihren Urologen und durch spezialisierte Sanitätshäuser beraten. Neben den oben genannten gebräuchlichen Hilfsmitteln gibt es noch weitere Möglichkeiten zur Versorgung bei unwillkürlichem Urinverlust. Diese reichen von so genannten Tropfenfängern für das Glied, die in die Unterhose geklebt werden, bis zu Kondomurinalen mit Beinbeutelversorgung. Erhältlich sind alle Artikel in Apotheken, Sanitätshäusern und speziellen Inkontinenzfachgeschäften. Sie erhalten dort eine fachgerechte Beratung und können die meisten Hilfsmittel zur Probe testen. Fast alle Produkte sind verordnungs- und erstattungsfähig.

Die nach der Entfernung des Dauerkatheters auftretende vorübergehende Unfähigkeit, den Urin zu halten, ist normal. Allerdings sollten Sie die Fähigkeit, den Urin halten zu können, nach einigen Wochen bis Monaten wieder erlangen. Zur Unterstützung des Heilungsprozesses nach der Operation kann die frühzeitige Wiederaufnahme körperlicher Aktivität oder sportlicher Betätigung nur empfohlen werden. Hierzu gilt die Faustregel, dass alles erlaubt ist, was weder Beschwerden noch Schmerzen verursacht.

Anhaltender Urinverlust (bleibende Harninkontinenz)

Von der vorübergehenden Unfähigkeit, den Urin zu halten, ist die sehr seltene, jedoch schwerwiegende Komplikation der bleibenden Harninkontinenz abzugrenzen.

Bei erfahrenen Operateuren beträgt das Risiko für den Patienten, nach der Operation durch eine Verletzung des willkürlichen äußeren Schließmuskels auf Dauer inkontinent zu bleiben, weniger als 5%. Bei fortbestehender Harninkontinenz kann zur Ergänzung des Beckenbodenmuskeltrainings zunächst ein so genanntes Biofeedback-Training des Beckenbodens erfolgen. Hierbei wird dem Patienten durch eine kleine Sonde im Analkanal (Analsensor) die Aktivität der Beckenbodenmuskulatur beim Training akustisch oder optisch angezeigt. Wenn diese Biofeedback-Methode zwei- bis dreimal am Tag für einige Minuten durchgeführt wird, kommt es häufig zu einer spürbaren Stärkung des Schließmuskels und zu einer besseren Fähigkeit, den Urin zu halten. Ein entsprechendes Gerät kann Ihnen vom Urologen für den häuslichen Gebrauch verschrieben werden. Sollte diese Maßnahme ohne Erfolg sein, so ist auch die operative Einpflanzung eines künstlichen Schließmuskels möglich, um die Kontinenz wieder zu erreichen. Ein solcher künstlicher Schließmuskel funktioniert sehr zuverlässig, birgt als Fremdkörper jedoch ein erhöhtes Infektionsrisiko. Die Einpflanzung eines künstlichen Schließmuskels ist jedoch nur selten notwendig und erfolgt in aller Regel frühestens ein Jahr nach der radikalen Prostatektomie.