Erektionsverlust
Wenn die für die Gliedversteifung entscheidenden Nerven im neurovaskulären Bündel unterbrochen wurden, ist in den allermeisten Fällen mit einer spontanen Erektion nicht mehr zu rechnen. Nur in sehr seltenen Fällen stellt sie sich doch wieder ein. Grundsätzlich sollten Sie bedenken: Die Erektion ist nicht alles. Es gibt Sexualität auch ohne Erektion!
Die meisten Männer brauchen nach Diagnose- und Behandlungsschock Zeit, um überhaupt wieder sexuelles Interesse zu haben. Es wäre schade, wenn Sie dann feststellen müssten, dass Sie alle Brücken zu körperlichem Kontakt abgerissen haben. Deshalb: Pflegen Sie Ihre Beziehungen und den körperlichen Kontakt. Später, wenn es Ihnen wieder gut geht und die Libido, die Lust und das Interesse am Sex, wiederkehren, können Sie von Erektionshilfen am besten profitieren.
In der Frühphase der Rehabilitation ist zunächst das Wissen um die Möglichkeiten entscheidend. Nach der Wundheilung können Sie auch für sich selbst erst einmal testen, ob Sie mit solchen Hilfen zurecht kommen oder zurecht kommen wollen, unabhängig von einem Einsatz in einer sexuellen Beziehung.
Die Empfehlung lautet: Als erster Schritt ist zu klären, ob nervschonend oder nicht operiert wurde. Der zweite Schritt heißt komplette Information über alle existierenden Möglichkeiten. Der dritte Schritt wäre, alle Möglichkeiten durchzuprobieren, zu testen mit den Fragen: Wie gut wirken welche Erektionshilfen? Gibt es unangenehme Nebenwirkungen? Wie groß ist der Aufwand, wie handhabbar ist diese Möglichkeit für mich? Könnten die Erektionshilfen in meiner Partnerschaft einsetzbar sein? Zu wissen, dass Sie könnten, wenn Sie wollten, kann für sich allein schon hilfreich sein, den Behandlungsschock zu verarbeiten.
Wenn Sie Erektionshilfen dann in der Partnerschaft einsetzen wollen, ist es, wie gesagt, günstig, wenn der körperliche Kontakt nicht ganz abgerissen ist und wenn beide den Wunsch danach haben. Auch Ihrer Partnerin wird, genau wie Ihnen selbst, die Technik zunächst möglicherweise befremdlich erscheinen. Wenn Sie Ihre Partnerin aber von Anfang an mit einbeziehen in Ihre eigene Entwicklung der Gewöhnung an das Ungewohnte durch zunächst geistige, dann praktisch-körperliche Auseinandersetzung mit diesen Hilfsmitteln, wird der Abstand zwischen Ihnen nicht zu groß.
Konkret: Sprechen Sie von Anfang an über Ihre Gedanken, Gefühle, Erfahrungen, auch Sorgen und Ängste, auch Hoffnungen und Wünsche. Eine eventuell später sich anschließende gemeinsame Testzeit sollte mit Humor und eher spielerisch angegangen werden. Ein offenes Wort unter Männern: Die Rehabilitation der Erektionsfähigkeit dient in erster Linie Ihrer Lust, da bei den meisten Männern das Erleben eines Orgasmus an die Erektion gebunden ist.
Ihre Partnerin ist nicht unbedingt auf die Wiederherstellung Ihrer Erektion angewiesen. Sexualmedizinische Untersuchungen legen nahe, dass für einen nicht geringen Teil der weiblichen Welt penetrativer Geschlechtsverkehr durchaus verzichtbar ist, wenn andere Methoden der Lustgewinnung angewendet werden. Wenn Sie nach längerer Zeit erstmals eine Erektionshilfe benutzen, kann das Ergebnis zunächst enttäuschen. Dies liegt daran, dass die Elastizität, die Dehnbarkeit, der Schwellkörper durch die lange Ruhepause eingeschränkt ist. Sie verbessert sich aber mit jedem Mal. Für gewöhnlich muss die Durchblutung der Schwellkörper mit Hilfsmitteln angeregt werden. Dazu stehen die folgenden Möglichkeiten zur Verfügung:
1. Viagra
Viagra ist der geschützte Handelsname eines erektionsfördernden Präparats mit dem Wirkstoff Sildenafil. Die Wirksamkeit setzt sexuelle Lust und Erregung voraus, das heißt Sildenafil ermöglicht oder verbessert bei ent-sprechender Erregung die Erektion, löst durch die bloße Einnahme aber keinen Effekt aus. Als erstes Präparat dieser Art hat Viagra hohe öffentliche Aufmerksamkeit ausgelöst. Bei Erektionsstörungen einfach eine Tablette zu nehmen, hat naturgemäß eine hohe Anziehungskraft.
Aber: Viagra wirkt nicht, wenn beide neurovaskulären Bündel mitentfernt wurden. Prinzipiell ist ein Versuch mit Viagra nur dann sinnvoll, wenn zumindest eines der Bündel erhalten geblieben ist und sich die Erektion nicht spontan wieder einstellt. Selten finden wir bei Männern, die nicht gezielt potenzschonend operiert wurden, Ansätze zu spontanen Erektionen, die jedoch unvollständig bleiben. In diesen Fällen sollte - nach Ausschluss der Gegenanzeigen - ein konsequenter Behandlungsversuch durchgeführt werden, das heißt: mehrmals in ausreichend hoher Dosierung.
Versagt Viagra, kämen dann die anderen Hilfsmittel in Betracht; bleibt die Wirkung unzureichend, könnte Viagra mit anderen Hilfsmitteln kombiniert werden. Vorsicht ist insbesondere bei Herz- und Kreislauf-Erkrankungen geboten, da dann Durchblutungsstörungen beziehungsweise Infarkte ausgelöst werden können. Auch sind die Wechselwirkungen mit einigen Medikamenten, besonders blutdrucksenkende Mitteln, problematisch, so dass eine Viagra-Einnahme nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt empfohlen werden kann. Ein gelegentlich auftretender Farbschleier vor den Augen ist hingegen harmlos; er beruht auf verzögertem Abbau von Substanzen in der Netzhaut des Auges und verschwindet von selbst.
2. Vakuum-Erektionshilfesysteme (VEHS)
Das Vakuum-Erektionshilfesystem (VEHS) ist sehr einfach zu handhaben, natürlich und praktisch nebenwirkungsfrei. Ein Zylinder wird über das Glied gestülpt, die Luft mit einer kleinen Pumpe abgesaugt. Dadurch entsteht ein Unterdruck, der Blut in die Schwellkörper zieht, wodurch das Glied aufgerichtet wird. Damit das Blut nicht sofort wieder über die Venen abfließt, muss rumpfnah, an der Gliedwurzel, ein Gummiring angelegt werden. Die Ergebnisse sind zu etwa 80 Prozent zufriedenstellend. Die Methode erfordert allerdings etwas Übung. Der Einsatz in der Partnerschaft ist etwas umständlich. Um störende Unterbrechungen des Zusammenseins zu vermeiden, ist eine gemeinsame Handhabung empfehlenswert, was eine aufgeschlossene Partnerin voraussetzt.
3. Schwellkörper-Autoinjektionstechnik (SKAT)
Bei der Schwellkörper-Autoinjektions-Technik (SKAT) spritzt man sich nach Schulung durch einen Urologen, am besten einige Tage lang stationär im Krankenhaus oder in der Reha-Klinik, selbst Mittel in die Schwellkörper, die Blut einströmen lassen und eine meist ausgezeichnete Versteifung bewirken.
Das erfordert erst einmal eine gewisse Selbstüberwindung. Unsere Patienten berichten übereinstimmend, dass die Injektion selbst nicht schmerzhafter ist als eine Blutentnahme aus der Armvene. Die erforderliche Dosis muss individuell ermittelt werden; und da es sich um hochwirksame Mittel handelt, liegt die Nebenwirkungsquote bei 10 bis 20 Prozent.
Verwendet wurde früher hauptsächlich Papaverin, heute ein Prostaglandin E, zum Beispiel Alprostadil. Papaverin führte im Vergleich mit Prostaglandin E eher zur Dauererektion, einem Priapismus, was zum Beispiel Gewebeschäden und damit unter Umständen den Verlust der Erektionsfähigkeit zur Folge haben konnte. Die heute üblichen Mittel zeigen solche Nebenwirkungen deutlich seltener, können jedoch noch eventuell schmerzhafte Missempfindungen bei der erzielten Erektion bedingen.
Die Selbst-Injektion kann vor dem Zusammensein mit einer Partnerin durchgeführt werden, da die Erektion in der Regel lange genug anhält. Die Erektion ist erregungsunabhängig. Falls die Vakuum-Methode nicht zufriedenstellt, aber das Risiko von SKAT gescheut wird, besteht die Möglichkeit, SKAT und VEHS zu kombinieren. Dadurch kann die Dosis des Medikaments und damit das Nebenwirkungsrisiko wesentlich verringert werden. Bei Gefäßerkrankungen kann auch SKAT versagen; eventuell hilft auch noch in diesem Fall die Methoden-Kombination.
4. Mini-Zäpfchen für die Harnröhre
Die bisher in den Schwellkörper injizierte Substanz des Prostaglandins Alprostadil kann neuerdings auch in Form eines Mini-Gelzäpfchens durch ein Röhrchen in die Harnröhre, die Urethra, eingeführt werden. Von dort durchwandert der Wirkstoff das Gewebe bis in die Schwellkörper. In etwa einem Zehntel der Anwendungen entstehen Nebenwirkungen, wie Brennen in der Harnröhre oder Schmerzen bei der Erektion, manchmal nur bei der Erst-Anwendung.
5. Medizinisches Urethrales System für die Erektion (MUSE©)
Auch MUSE kann vor dem Zusammensein mit einer Partnerin angewendet werden. Die ausgelöste Erektion ist ebenfalls erregungsunabhängig. Die Rate der Patienten, bei denen keine zufriedenstellende Erektion aus-gelöst wird, ist etwas höher als bei SKAT, jedoch erscheint die Anwendbarkeit wesentlich leichter. Auch bei MUSE kann man verschiedene Dosierungen testen.
6. Schwellkörper-Prothesen
Eine letzte Möglichkeit besteht in der Einsetzung von Schwellkörper-Prothesen Für ein gutes Ergebnis kommt nur die aufpumpbare Prothese in Frage, die anstelle der natürlichen Schwellkörper ins Glied eingepflanzt wird. Dadurch kann, gewissermaßen per Knopfdruck, eine Versteifung erreicht werden. Das Prinzip entspricht dem des künstlichen Schließmuskels.
Da der Einbau einen operativen Aufwand erfordert und Komplikationen auch nicht völlig zu vermeiden sind, ist diese Methode nur empfehlenswert, wenn alle anderen Methoden versagen. Besonders gefürchtete Komplikationen sind Infektionen, die zu Entfernung des Systems zwingen oder Undichtigkeiten sowie Materialermüdung, so dass korrigierende operative Eingriffe notwendig werden können.
Wenn die Schwellkörper entfernt wurden, kann niemals mehr auf anderem Wege eine Erektion erreicht werden. Vor der Entscheidung für eine Schwellkörper-Prothese empfehlen wir, sich vom Operateur Kontakt zu Männern vermitteln zu lassen, die eine solche Operation bereits haben durchführen lassen. Bei allen Methoden sollte die Kostenfrage mit den Krankenkassen unter Vorlage eines urologischen Attestes über Sinn und Notwendigkeit vorher geklärt werden. Bislang werden meist nur die Kosten für eine Vakuum-Erektionshilfe von den meisten Krankenkassen übernommen.

