Inkontinenz

Gegen den ungewollten Urinverlust wegen einer operationsbedingten Blasenverschlussschwäche hilft am besten ein Kontinenztraining, mit dem der Schließmuskel gestärkt wird. Dazu gibt es ausgearbeitete Programme, die am besten in Gruppen mit zusätzlichen Einzelanleitungen durchgeführt werden. Die Krankengymnasten oder Physiotherapeuten, die solche Trainingsprogramme anbieten, sollten besonders spezialisiert sein, da es bei der Beckenboden-Gymnastik hohe Qualitätsunterschiede gibt. Ein gutes Behandlungskonzept erkennen Sie daran, dass Sie auch ausführlich über Aufbau und Funktion des Beckenbodens aufgeklärt werden.

Besonderer Wert muss darauf gelegt werden, dass Sie lernen, die richtigen Muskeln zu trainieren, was vom Therapeuten ständig kontrolliert werden muss. Es hat sich außerdem gezeigt, dass dieses Training oft nicht erfolgreich ist, wenn andere schwere Wirbelsäulen- oder Gelenkerkrankungen den Beckenboden blockieren. Dann ist erst eine Vorbehandlung notwendig. Die besten Behandlungs-Programme gibt es in spezialisierten Reha-Einrichtungen. Ob die richtigen Muskeln trainiert werden, kann mit Tönen und sogar mit Bildern überprüft werden. Bei diesem Biofeedback genannten Verfahren wird die Muskeltätigkeit mit einem Messfühler erfasst, oder aber es wird mit einer aufwendigeren Methode der Schließmuskel während der Übungen durch die Harnröhre gefilmt.

Die Möglichkeit zum video-assistierten Biofeedback-Sphinktertraining wird in spezialisierten Reha-Kliniken angeboten. Bei besonders ausgeprägten Formen der Inkontinenz kann eine Elektrostimulation der Beckenbodenmuskulatur und damit des Schließmuskels zusätzlich hilfreich sein. Nach unseren Untersuchungen wird die Kontinenzgewinnung dadurch beschleunigt. Am besten können Beckenbodenmuskulatur und Schließmuskel über Rektalsonden erreicht werden, die wie ein Zäpfchen in den Darm eingeführt werden. Diese Methode ist schmerzfrei und kann außerdem das Gefühl für die richtigen Muskeln verbessern. Nach ärztlicher Einweisung können Sie die bis zu 20-minütigen Behandlungen täglich selbst mehrmals vornehmen. Sie sind eine Ergänzung des Kontinenztrainings. Wenn nachts bereits kein Urinverlust mehr auftritt, wird ein Vorteil der Elektrostimulation fraglich.

Häufig ist die Inkontinenz nicht ausschließlich durch eine Blasenverschlussschwäche bedingt, sondern auch durch eine Blasenfunktionsstörung. Der veränderte Blasenverschluss kann die normale Blasenfunktion erheblich irritieren. Oft werden daher auch noch Medikamente vorüber-gehend eingesetzt, die die Blasenfunktion normalisieren sollen. Durch die Operation und auch durch die vorübergehende Einlage eines Katheters ist die Schleimhaut der Harnröhre gereizt, geschwollen und an den Operationsnähten oft noch verschorft. Das begünstigt bakterielle Harnwegsinfektionen, deren Erkennung und Therapie oft die Voraussetzung sind, die Kontinenz wiederzuerlangen.

Wenn die Behandlung nicht ansprechen sollte, ist es unbedingt notwendig, intensiv nach den Ursachen zu forschen. Meist finden sich dann noch andere Gründe für Störungen der Blasenfunktion, die zunächst behoben werden müssen. Zur Abklärung sind unter anderem Uroflow genannte Harnstrahlmessungen, Sicht-Untersuchungen der Harnröhre in Form von Harnröhren- und Blasenspiegelung und kombinierte Funktions- und Druckstudien in Blase und Harnröhre - Urodynamik - üblich. Wenn alle diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten die Inkontinenz nicht beheben können, bleibt die Anlage eines künstlichen Schließmuskels.

Nach unserer Erfahrung in der Klinik Quellental sollte man aber nicht zu früh den Mut verlieren. Manchmal dauert es bis zu zwei Jahren, bevor sich die Urinhaltefunktion bessert. Vor Ablauf eines Jahres intensiven Kontinenztrainings sollte diese Operation jedenfalls nicht durchgeführt werden. Der künstliche Schließmuskel ist einerseits ein technisch faszinierendes kleines Wunderwerk, andererseits etwas, was man lieber vermeidet: Er besteht im Prinzip aus einer aufblasbaren Manschette, ähnlich wie bei einem Blutdruck-Messgerät, die um die Harnröhre gelegt wird. Eine Mini-Pumpe, die ebenso wie ein Flüssigkeitsreservoir zusätzlich im Körper untergebracht wird, befördert die Flüssigkeit aus dem Reservoir auf Knopfdruck in die Manschette, die dadurch die Harnröhre abklemmt, so dass kein Urin mehr austreten kann. Will man Wasser lassen, wird per Knopfdruck die Manschette entleert, die Harnröhre wird durchgängig. Das Flüssigkeitsreservoir wird in einem kleinen Beutelchen im Bauchraum eingebaut, der Bedienungsknopf kann beispielsweise im Hodensack untergebracht und von außen betätigt werden. Das Ganze ist innerhalb des Körpers mit kleinen Kabeln und Schläuchen miteinander verbunden.

Der Nachteil dieser Methode besteht in der Notwendigkeit einer erneuten, nicht ganz einfachen Operation mit eigenen Komplikationsrisiken, besonders Entzündungen, die wieder zum Ausbau der Materials zwingen, und der Notwendigkeit, gelegentliche Wartungsarbeiten an der Apparatur wieder mit Operationen verbinden zu müssen.

Der Vorteil ist besonders für jene Patienten erkennbar, die an einer sonst nicht mehr zu verbessernden kompletten Inkontinenz leiden. Bei ihnen können zu 90 Prozent zumindest Verbesserungen erreicht werden; fast 85 Prozent benötigen dann nicht mehr als zwei Vorlagen am Tag. Gelegentlich wird versucht, einen lückenhaften Verschluss der Blase dadurch zu verbessern, dass unter die Schleimhaut des Schließmuskels ein Gel gespritzt wird, um ein Kissen oder Polster zu schaffen. Dies soll den Verschluss verbessern, verschlechtert aber die Behandlungsergebnisse falls ein künstlicher Schließmuskel angelegt werden muss. Insgesamt zeigt diese Methode auch überwiegend enttäuschende Ergebnisse, so dass wir empfehlen, sich gut zu überlegen, ob man sich dem aussetzen will.

Letzte Änderung am 08.12.2009