Karsten Münstedt, Ratgeber unkonventionelle Krebstherapien. ISBN 978-3-609-16329-1.

Karsten Münstedt

 

Ratgeber unkonventionelle Krebstherapien

 

Ecomed Medizin, 2. Auflage 2005, 618 Seiten, Kunststoff, ISBN 978-3-609-16329-1, 49,00 EUR, 84,50 CHF

 

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Karsten Münstedt: Ratgeber unkonventionelle Krebstherapien

Schier endlos ist das Angebot an Verfahren, die bei einem bösartigen Tumor die Standardbehandlung ersetzen oder ergänzen sollen. Doch was hilft wirklich? Zur Übersicht liefern die Autoren hier allgemeine Informationen und stellen mehr als 180 davon vor, samt objektiver Bewertung.

Als unkonventionell bezeichnet man Verfahren, die sich auf Erfahrung stützen, deren Wirksamkeit im Unterschied zu konventionellen Verfahren jedoch noch nicht ausreichend mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen wurde. Sie werden entweder alternativ zu konventionellen Verfahren eingesetzt oder aber komplementär dazu (ergänzend). Deshalb fasst man sie auch zu KAM zusammen (komplementäre und alternative Medizin, engl. CAM, complementary and alternative medicine). Mögliche Einsatzzwecke sind allen gemein: Präventiv (vorbeugend), diagnostisch (zur Untersuchung) oder therapeutisch (zur Behandlung), Letzteres unterteilt in kurativ (heilend) und palliativ (lindernd).

Dieser Ratgeber widmet sich jenen unkonventionellen Verfahren, die alternativ oder komplementär eingesetzt werden und der kurativen oder palliativen Behandlung von Krebs dienen sollen. Verfasst haben ihn der Herausgeber Karsten Münstedt, Professor an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Gießen, und ein Team von Autoren, in der Mehrzahl Ärzte an verschiedenen Kliniken.

Wie sie schreiben, wollten sie solche Verfahren erstmals auf deutsch umfassend und übersichtlich darstellen, um Ärzten zur Beratung ihrer Patienten Informationen an die Hand zu geben, die möglichst objektiv, ohne Rücksicht auf weltanschauliche Aspekte nach wissenschaftlichen Kriterien bewertet wurden. Wichtig sei dies, weil immer öfter Therapien vorgeschlagen würden, die eine sichere Heilung ohne die Nebenwirkungen der Standardtherapien versprächen oder die schulmedizinischen Therapien unterstützen sollten. Doch gerade sie müssten ihren Stellenwert beweisen, da der Betroffene bei Krebs anders als bei einer gutartigen Krankheit nicht mit verschiedenen Methoden Erfahrungen sammeln und sich bei deren Versagen einfach wieder der Schulmedizin zuwenden könne. Es sollte aber keine Anleitung zur Behandlung werden und erst recht kein Katalog zum Aussuchen eines Verfahrens.

Herausgekommen ist ein mit gut 600 Seiten ziemlich dickes Werk im Taschenbuchformat, das aus zwei Teilen besteht: Der erste, etwa ein Viertel des Buchs, beinhaltet Artikel über verschiedene allgemeine Aspekte des Themas. So zum Beispiel über die geschichtliche Entwicklung und heutige Verbreitung der Verfahren, die Sichtweise eines positiv eingestellten und eines kritischen Arztes, die psychische Situation, Spiritualität und Lebensqualität des Krebskranken, die Motivation von Anbietern, die Kostenübernahme durch Krankenkassen, die Prüfmethoden und Risiken der Verfahren sowie Tipps zum Auffinden seriöser Informationsquellen im Internet.

Der zweite, weit umfangreichere Teil des Buchs ist den Verfahren gewidmet. Sie sind eingeteilt in Gruppen mit ähnlicher Wirkweise, die oft mit einem einführenden Grundlagenkapitel beginnen. Danach werden die einzelnen Verfahren vorgestellt, jedes im Schnitt auf zwei bis drei Seiten und nach einem gleichartigen Schema: Zusammensetzung, Indikationen (Anwendungsgebiete), Behandlungsart und Kosten, Erfinder und Promotoren (Förderer), Konzept und Theorie, Untersuchungen und Prüfungen, Nebenwirkungen, Fazit und Bewertung sowie Literatur.

Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, zu jedem Verfahren nicht nur alle wichtigen Informationen zusammenzutragen, sondern auch die Daten aus Untersuchungen mit wissenschaftlichen Methoden zu überprüfen und auszuwerten. Dazu verwendeten sie die allgemein üblichen Kriterien aus der Evidenz-basierten Medizin (EBM, Evidenz = Deutlichkeit, Beweiskraft). Danach reicht die Evidenzstufe (engl. level of evidence, LoE) von I (1, am höchsten), wenn eine gemeinsame Analyse mehrerer aussagekräftiger Studien vorliegt, bis V (5), wenn es nur Fallberichte gibt. Daraus lässt sich dann ein EBM-Empfehlungsgrad von A (am höchsten) bis D ableiten. Zusätzlich verwendeten die Autoren ein Stufensystem der ACS (American Cancer Society, amerikanische Krebsgesellschaft), das von A1 (erwiesener Nutzen) bis E (Hinweise auf ein Risiko) reicht, und übersetzten dieses in eine Skala mit Smileys („Grinsegesichter“).

Diese Bewertung wurde getrennt für alle Einsatzzwecke angefertigt, die das jeweilige Verfahren im Bereich der Therapie und gegebenenfalls auch der Prävention (Vorbeugung) beansprucht. Dargestellt wird sie jeweils als kurze Tabelle, die mit etwas Übung auf einen Blick erfassbar ist: Eine Zeile für den LoE und Empfehlungsgrad nach EBM und eine Zeile für den ACS-Grad in Form von Smileys mit verschiedenem Gesichtsausdruck sowie fünf Spalten für die Einsatzzwecke: Präventiv, alternativ kurativ (heilend), komplementär kurativ, alternativ palliativ (lindernd) und komplementär palliativ. Eine Bedienungsanleitung am Anfang des Buchs gibt dazu nähere Auskunft. Leider wird dort und in den Tabellen kurativ missverständlich als adjuvant (unterstützend) bezeichnet. Dies wäre bei einer Neuauflage zu verbessern, genauso wie das wenig ansprechende Druckbild.

Fazit

Abgesehen von den gerade genannten „Schönheitsfehlern“ ist das Buch eine gelungene und nützliche Übersicht über unkonventionelle Verfahren zur Krebsbehandlung. Neben allgemeinen Informationen rund um das Thema finden sich hier Datenblätter mit wissenschaftlicher Bewertung und Literatur zu mehr als 180 alternativen und komplementären Methoden und Präparaten, von speziellen Krebsdiäten über die Homöopathie bis hin zu magischen Konzepten. Der Ratgeber ist zwar vor allem für Ärzte gedacht, was sich stellenweise an den verwendeten Fachausdrücken zeigt. Er eignet sich jedoch sicher auch als verlässliche Information für interessierte Laien.

Autor: Dr. med. Hubert E. Weiß, 10.06.2010