Walter Raaflaub: Tote Hose
Ein sehr persönliches Tagebuch eines Arztes über seine Impotenz nach Prostatakrebs-Operation. Tabulos, mit Witz und Verstand beschreibt er, worüber Männer sonst schweigen, und macht damit anderen Betroffenen Mut zum Weitermachen.
Der Inhalt in Kürze: Der Autor, Walter Raaflaub ist Allgemeinarzt und lebt mit seiner Frau Renata, einer Narkoseärztin, und den beiden Söhnen Michael und Matthias in der Westschweiz. Trotz mancher Probleme eine normale, glückliche Familie. Bis zu dem Tag, an dem der Arzt selbst zum Patienten wird: Nach der Operation wegen einer Prostatavergrößerung erhält er die Diagnose Prostatakrebs. Einige Monate später unterzieht er sich einer radikalen Prostatektomie. Zwar werden keine Metastasen festgestellt, und der Krebs scheint besiegt, jedoch führt dieser Eingriff zur Inkontinenz und Impotenz. Während er sich wegen des ständigen unwillkürlichen Harnabgangs schließlich einen künstlichen Schließmuskel einpflanzen lässt, bleibt die erektile Dysfunktion dauerhaft bestehen.
Schon nach dem ersten Schock der Diagnose beginnt Walter Raaflaub, ein Tagebuch zu schreiben. Darin hält er seinen Gesundheitszustand, die aktuellen Vorkommnisse und seine Gedanken dazu über mehr als drei Jahre fest und blickt in Vergangenheit und Zukunft. So erzählt er seine eigene Geschichte, aber auch zum Teil die seiner Familie, Freunde und Patienten, darunter die seiner Schwägerin Katharina, der er sein Buch widmet: Sie erkrankt ebenfalls an Krebs, im Unterschied zu ihm jedoch unheilbar, ohne zweite Chance.
Zentraler Punkt für Walter Raaflaub ist seine Impotenz, was denn auch den größten Teil des Buchs in Anspruch nimmt. Er beschreibt ausführlich, offen und ehrlich, wie er mit diesem Schicksal hadert, wie verletzt und frustriert er ist, wie er zunächst die körperliche Nähe zu seiner Frau vermeidet, welche Unstimmigkeiten in ihrer Beziehung daraus resultieren, welche Versuche er dann mit Medikamenten, Spritzen und Vakuumpumpe unternimmt und wie es ihnen schließlich gelingt, nicht nur zu einem für beide befriedigenden Sexualleben, sondern auch zu ihrer früheren Intimität zurückzufinden.
Seine Frau hat ihm mit ihrer offenen und realistischen, einfühlsamen und liebevollen Art auf seinem schwierigen Weg geholfen, die erektile Dysfunktion doch noch zu akzeptieren. Aber auch der Vergleich mit dem Schicksal seiner Schwägerin. Er schreibt: „Ich lebe noch. Bloß das Ding zwischen meinen Beinen ist tot. (…) Dafür ist anderes lebendig geblieben oder erst durch meine Behinderung zum Leben erwacht. (…) Unsere Beziehung ist nicht gestorben. Sie ist lebendiger geworden, fester und tiefer. (…) Mag es in der Hose tot sein - das Leben geht weiter.“
Fazit
„Wer Tagebuch führt, erliegt nur zu gern der Versuchung, bloß in den Fingerspitzen zu denken. Und auf dem Papier zerbrechen dann die Gedanken oftmals zu Wörtern.“ Diese Befürchtungen von Walter Raaflaub sind ganz sicher nicht eingetroffen. Seine Gedanken sind Worte geblieben, die den Leser dicht an ihn heranlassen, ihn teilnehmen lassen an seiner ganz persönlichen Geschichte. Ohne Tabus, dafür mit medizinischem Sachverstand und einer gehörigen Portion Selbstironie und Humor beschreibt er seine Impotenz, also das, worüber Männer ansonsten gerne lügen oder schweigen. Sein Mut und der seiner Familie, das Schweigen zu brechen und Einblick in ihr Innerstes zu gewähren, verdient Respekt. Sie helfen damit anderen Betroffenen, sich auf das Wesentliche in ihrem Leben zu konzentrieren, mit ihrem Schicksal fertig zu werden und das Beste daraus zu machen.
Autor: Dr. med. Hubert E. Weiß, 18.09.2009

