Dr. med. Hubert E. Weiß (17.12.2007)
Hormontherapie: Früh ist besser als aufgeschoben
Beim lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinom sollte eine Hormontherapie früh erfolgen und nicht erst beim Fortschreiten der Erkrankung, so das Ergebnis einer neuen Studie, einer Meta-Analyse von acht Untersuchungen.
Als lokal fortgeschrittenes Prostatakarzinom bezeichnet man einen Tumor, der die Prostatakapsel bereits durchbrochen, aber noch zu keinen (klinisch nachweisbaren) Metastasen in Lymphknoten oder an anderen Stellen des Körpers geführt hat (T3, N0, M0). In diesem Stadium sind folgende Behandlungsformen möglich: Kontrolliertes Zuwarten, radikale Prostatektomie, Strahlentherapie und Hormontherapie. Am häufigsten wird eine Kombination aus den letzten beiden verwendet, weil selbst bei Patienten mit einem laut Untersuchungen noch auf die Prostata begrenzten Tumor (bis T2) die Erkrankung in 25-40% der Fälle nach radikaler Prostatektomie oder Strahlentherapie fortschreitet.
Bei der Hormontherapie senkt man den Blutspiegel der Androgene (männliche Geschlechtshormone), die das Krebswachstum fördern. Dies lässt sich erreichen durch Orchiektomie (Entfernen der Hoden), Antiandrogene (Wirkstoffe gegen die Androgen-Wirkung) und LH-RH-Analoga (Wirkstoffe gegen die Androgen-Bildung; Näheres hierzu siehe Geschlechtshormone).
Von einer aufgeschobenen Hormontherapie (HT) spricht man, wenn diese erst im Falle eines Fortschreitens der Erkrankung begonnen wird, also beim Nachweis von Metastasen oder einem lokalen Wiederauftreten des Tumors. Eine frühe HT soll dagegen das Risiko für ein Fortschreiten vermindern und wird deshalb trotz möglicher unerwünschter Wirkungen schon in Kombination mit einer anderen, primären Behandlung eingesetzt: Vor deren Beginn (neoadjuvante HT), begleitend (konkomitante HT) oder gegen deren Ende bzw. anschließend (adjuvante HT).
Ziel dieser Studie war nun herauszufinden, ob die frühe oder die aufgeschobene Hormontherapie die besseren Ergebnisse verspricht. Hierzu haben die Autoren alle Untersuchungen ausfindig gemacht, in denen beide Ansätze miteinander verglichen wurden. Davon entsprachen sieben den strengen Kriterien der Studie, so dass deren Daten in einer so genannten Meta-Analyse gemeinsam ausgewertet werden konnten.
Die Ergebnisse sprechen deutlich für eine frühe und gegen eine aufgeschobene Hormontherapie. So fielen die Gesamtsterblichkeit um 14%, die Sterblichkeit an Prostatakarzinom um 28%, das Fortschreiten insgesamt um 26%, das lokale Fortschreiten um 35% und das Auftreten von Metastasen um 33% günstiger aus.
Da in den ausgewerteten Untersuchungen unterschiedliche primäre Behandlungen und Hormontherapien durchgeführt wurden und nicht in allen Fällen Daten über die Nachbeobachtungszeit (5,5-7,8 Jahre), unerwünschte Wirkungen der Behandlung und Therapieabbrüche vorlagen, waren einige Untergruppen-Analysen nicht möglich.
Es ließ sich jedoch zeigen, dass die Art der frühen Hormontherapie (HT) die Gesamtsterblichkeit kaum weiter beeinflusst (bei neoadjuvanter HT um 16% und bei adjuvanter HT um 13% geringer als bei aufgeschobener HT). Anders die primäre Behandlung: Im Falle der Strahlentherapie lag die Gesamtsterblichkeit bei früher HT um 31% niedriger als bei aufgeschobener HT, im Falle des kontrollierten Zuwartens nur um 12%. Dies könnte darauf zurückgehen, dass Strahlen- und Hormontherapie gleichgerichtet wirken, während für das kontrollierte Zuwarten vor allem Patienten mit niedrigem Risiko ausgesucht werden.
Fazit der Autoren: Bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem Prostatakarzinom führt eine frühe Hormontherapie zu geringerer Sterblichkeit und seltenerem Fortschreiten der Erkrankung als eine Hormontherapie, die bis zum Versagen der primären Behandlung aufgeschoben wird. Ob dies auch für Patienten mit früheren Tumorstadien gilt, sollte im Rahmen von Studien überprüft werden, für Patienten mit weit fortgeschrittenem Prostatakarzinom ist der Vorteil bereits nachgewiesen.
Quelle: Boustead, G., S. J. Edwards: Systematic review of early vs deferred hormonal treatment of locally advanced prostate cancer: a meta-analysis of randomized controlled trials. BJU International 99:1383-1389 (2007)
Weitere Informationen:
- In der Rubrik "Wissen" unter Geschlechtshormone
- Hier im Magazin im Abschnitt Medikamente
- In der Rubrik "Wissen" im Abschnitt "Prostatakarzinom" unter Behandlungsplanung und Hormontherapie
- In der Broschüre Prostatakrebs - Auf den Punkt gebracht
- In der Broschüre Die Radikaloperation der Prostata beim Prostatakarzinom
