Dr. med. Hubert E. Weiß (07.02.2008)
Längeres Überleben durch Chemotherapie mit Estramustin
Beim hormonrefraktären (hormonunempfindlichen) Prostatakarzinom (HRPC) verlängert der Zusatz von Estramustin zur Chemotherapie die Überlebenszeit, so das wichtigste Ergebnis einer neuen, gemeinsamen Auswertung von fünf Studien.
Estramustinphosphat (kurz: Estramustin) ist eine Substanz mit hormonellen und nicht hormonellen Wirkungen. Sie kann bei einem hormonrefraktären Prostatakarzinom (HRPC) eingesetzt werden, also dann, wenn der Tumor nicht oder nicht mehr auf eine Hormonbehandlung anspricht. Frühere Studien haben ergeben, dass bestimmte Zytostatika (Zellgifte, z.B. Taxane) in Kombination mit Estramustin besser wirken.
Ziel dieser Untersuchung war nun, genauer zu bestimmen, ob beim HRPC die zusätzliche Gabe von Estramustin zu Zytostatika das Überleben verlängert. Dazu wurden in einer so genannten Metaanalyse die Daten von 605 Patienten aus fünf Studien gemeinsam ausgewertet, die eine Chemotherapie mit oder ohne Estramustin erhalten hatten. Neben der Überlebenszeit waren dabei weitere Bewertungskriterien der Abfall des PSA-Werts, die Zeit bis zum Wiederansteigen des PSA sowie unerwünschte Wirkungen der Behandlung.
Die Auswertung der Überlebenszeiten ergab, dass sich eine Chemotherapie mit Estramustin sowie - zu Beginn der Behandlung - ein PSA-Wert bis 130ng/ml, ein guter Allgemeinzustand und ein normaler Hämoglobin-Wert (Farbstoffgehalt des Blutes) unabhängig voneinander positiv auswirkten, während das Alter keine Rolle spielte. So waren bei zusätzlicher Gabe von Estramustin das Sterblichkeitsrisiko um 23% niedriger und die Überlebensrate im ersten Jahr nach Beginn der Behandlung um fast 10% höher (61,1% gegenüber 51,6%), im zweiten Jahr immerhin noch um 3,5% (25,7% gegenüber 22,2%).
Der Zusatz von Estramustin zur Chemotherapie erhöhte weiterhin die Wahrscheinlichkeit für einen PSA-Abfall um 47% (bei 52% der Patienten mit und bei 27% ohne Estramustin) und verlängerte die Zeit bis zum Wiederansteigen des PSA-Werts um 38%; beides gilt als Zeichen für eine erfolgreiche Behandlung. Er senkte zudem das Risiko für eine schwere Neutropenie um 59% (Abfall der weißen Blutkörperchen, unerwünschte Wirkung, bei 6% der Patienten mit und bei 15% ohne Estramustin). Jedoch kam es häufiger zu schweren Thromboembolien (Gefäßverschlüsse, unerwünschte Wirkung, bei 4% der Patienten mit und bei 0,4% ohne Estramustin).
Fazit der Autoren: Beim HRPC (hormonrefraktären Prostatakarzinom) führt die zusätzliche Gabe von Estramustin zur Chemotherapie zu einem besseren PSA-Abfall, einem späteren PSA-Wiederanstieg und einer längeren Überlebenszeit. Diese Vorteile sollten aber gegen das höhere Risiko einer Thromboembolie abgewogen werden, was nach anderen Studien von der Dosis abhängt, so dass man eventuell vorbeugend gerinnungshemmende Mittel geben sollte. Bei Patienten mit HRPC, zumindest solchen ohne großes Thromboembolie-Risiko, scheint die Chemotherapie mit Estramustin also die Behandlung der ersten Wahl zu sein.
Quelle: Fizazi, K., et al.: Addition of estramustine to chemotherapy and survival of patients with castration-refractory prostate cancer: a metaanalysis of individual patient data. Lancet Oncol. 2007; 8: 994-1000
Weitere Informationen:
- Zur Homon- und Chemotherapie hier im Magazin: Behandlung des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms
- Zur Behandlung des HRPC hier im Magazin: Fortschritte bei der Chemotherapie des hormonrefraktären Prostatakarzinoms
- Zur Behandlung des HRPC in der Rubrik „Wissen“ im Abschnitt „Prostatakarzinom“ unter unter Chemotherapie des Prostatakarzinoms
- Zu den verschiedenen PSA-Werten in der Rubrik „Wissen“ im Abschnitt „Untersuchungen“ unter PSA-Bestimmung
