Dr. med. Hubert E. Weiß (19.05.2008)

Spätere Krebsdiagnose bei Übergewicht?

Weil Übergewichtige mehr Blut haben als Normalgewichtige, werden ihre PSA-Werte verfälscht. Sie betragen etwa ein Fünftel weniger, obwohl die vom Prostatakarzinom gebildete PSA-Menge gleich ist, so eine amerikanische Studie.

Bei Übergewicht ist die Sterblichkeit an bestimmten Krebsarten erhöht. Hierzu kann auch eine spätere Diagnosestellung beitragen: Übergewicht kann sie auf vielfältige Weise behindern, zum Beispiel durch eine erschwerte körperliche Untersuchung, schlechtere Bilder von bildgebenden Verfahren und die Beeinflussung des Blutspiegels von Tumormarkern. So wurde erst kürzlich festgestellt, dass Überwicht (gemessen als erhöhter BMI = Body-Mass-Index, Körpermassenindex) einen negativen Einfluss auf die Früherkennung von Prostatakrebs haben könnte.

Das Prostatakarzinom wird am häufigsten durch Gewebeproben (Biopsien) aufgrund von erhöhten PSA-Werten festgestellt (PSA = Prostataspezifisches Antigen). Deshalb kann alles, was den PSA-Wert senkt, die Diagnose beeinträchtigen. Viele Studien haben ergeben, dass übergewichtige Männer niedrigere PSA-Spiegel haben als normalgewichtige. Dies wurde bislang mit einem veränderten Stoffwechsel der Geschlechtshormone erklärt. Eine andere Erklärung wäre folgende:

Ein Übergewichtiger hat mehr Blut und damit auch mehr Plasma (Blutflüssigkeit) als ein Normalgewichtiger. Deshalb wird die von den Krebszellen gebildete PSA-Menge darin stärker verdünnt, so dass die Konzentration, also der gemessene PSA-Wert sinkt.

Dieser Hypothese gingen Forscher jetzt in einer neuen Studie nach. Sie überprüften, ob bei übergewichtigen Männern mit Prostatakarzinom ein größeres Plasmavolumen mit einer niedrigeren PSA-Konzentration einhergeht. Dazu werteten sie die Fälle von fast 14.000 Männern aus, die sich zwischen 1988 und 2006 in einer von sieben US-amerikanischen Kliniken einer radikalen Prostatektomie unterzogen hatten. Kriterien für den Ausschluss waren das Fehlen bestimmter Daten, eine vorherige TUR-P (transurethrale Resektion der Prostata, also ein klinisches Stadium T1a oder T1b, s. hierzu Wachstum und Ausbreitung des Prostatakarzinoms), positive (befallene) Lymphknoten sowie eine vorangegangene Strahlen-, Hormon- oder Chemotherapie.

Hier die wichtigsten Ergebnisse: Unabhängig von zahlreichen Faktoren (z.B. Gleason-Score, TNM-Stadium) hatten Männer mit ausgeprägtem oder extremem Übergewicht (BMI ab 35) im Vergleich zu Normalgewichtigen zwar eine größere Prostata und ein um 21-23% höheres Plasmavolumen. Dennoch lag ihre PSA-Konzentration vor der Operation um 11-21% niedriger, während die im Plasma befindliche gesamte PSA-Menge gleich oder nur wenig größer war.

Wenn die bei Übergewicht niedrigeren PSA-Werte durch einen geringeren Einfluss der Androgene (männliche Geschlechtshormone) bedingt wären, müsste die PSA-Menge ebenfalls geringer sein. Deshalb spricht alles dafür, dass es sich um einen Verdünnungseffekt handelt. Dies könnte dazu führen, dass bei einem Übergewichtigen ein Prostatakarzinom später erkannt und behandelt wird. Zu untersuchen bleibt, inwieweit das erklärt, warum bei Übergewicht die Prognose des Prostatakarzinoms schlechter und die Sterblichkeit daran höher ist.

Fazit der Autoren: Bei Männern nach radikaler Prostatektomie liegen die PSA-Werte vor der Operation um so niedriger, je übergewichtiger sie sind. Hierfür scheint nicht der Tumor, sondern die Verdünnung durch ein erhöhtes Plasmavolumen verantwortlich zu sein. Dieser Zusammenhang muss jedoch noch in Früherkennungsuntersuchungen, die ja auch Gesunde einschließen, bestätigt werden.

Quelle: Banez, L. L., et al.: Obesity-related plasma hemodilution and PSA concentration among men with prostate cancer. JAMA 2007; 19: 2275-2280

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