Dr. med. Hubert E. Weiß (26.01.2009)
Rückgang von Prostatakrebs in Deutschland
Wie auf dem deutschen Urologenkongress 2008 berichtet wurde, sind Neuerkrankungen und Sterblichkeit in Schleswig-Holstein erstmals zurückgegangen. Liegt das an der Früherkennung mittels PSA-Test?
In den USA stieg die Inzidenz (Neuerkrankungsrate, s. Epidemiologie) des Prostatakarzinoms nach der Zulassung des PSA-Tests von 1987 bis zu ihrem Höhepunkt 1992 um 85% an, fiel dann bis 1996 stetig ab (um 29%) und blieb seither unverändert bei Werten, die um etwa 20% höher liegen als zuvor. Die Mortalität (Sterblichkeitsrate) nahm bis Anfang der 1990er Jahre etwas zu und ging dann langsam zurück; 2001 war sie etwa 15% niedriger als 1986.
Laut dem Krebsregister Schleswig-Holstein erkrankten von 1995 bis 2005 13.250 Männer an einem Prostatakarzinom. Damit betrug die Inzidenz im Schnitt 138 Männer pro 100.000 Männer und Jahr. Die Werte reichten von 110 bei den 50-59-Jährigen bis 770 bei den 70-79-Jährigen. Die altersstandardisierte Inzidenz (um das Alter bereinigte Neuerkrankungsrate) stieg von 1999 bis 2003 um 30% an und fiel dann bis 2005 wieder auf den Ausgangswert ab.
Als Ursache schließen die Autoren unter anderem auch eine unzureichende Qualität der Datenerhebung aus, nachdem in anderen Regionen Deutschlands Ähnliches zu beobachten war. Sie sehen darin eher einen typischen Effekt des Screenings (Reihenuntersuchung): Die Rate steigt, weil bei der Früherkennung mittels PSA-Test anfänglich auch Tumoren entdeckt werden, die sonst erst später aufgefallen wären. Dann sinkt die Rate, weil diese Tumoren schon entdeckt sind und jetzt „fehlen“, so dass nur tatsächliche Neuerkrankungen mitzählen (s. auch „Blaubeer-Phänomen“ in: Immer niedrigere PSA-Grenzwerte bei der Früherkennung des Prostatakarzinoms). Da die Bewegungen der Inzidenz nur mäßig ausgeprägt waren, vermuten die Autoren, dass sich nur ein Teil der Männer testen ließ.
Die Mortalität sank in Schleswig-Holstein von 1999 bis 2005 stetig ab, insgesamt um etwa 20%. Dieser Rückgang zeigte sich auch anderswo in Deutschland und in den USA. Während der Wert in den USA zunächst stieg und dann mit einer Verzögerung von etwa 10 Jahren gegenüber der Inzidenz wieder fiel, ging er in Deutschland ohne anfängliche Zunahme schon vor dem Ansteigen der Inzidenz zurück. Dies weist darauf hin, dass nicht nur das Screening, sondern auch die Verbesserung der Behandlung lokal fortgeschrittener Tumoren eine Rolle spielt.
Das Fazit der Autoren
Das zunehmende PSA-Screening hat in Deutschland wohl die Inzidenz des Prostatakarzinoms steigen lassen. Deren Gipfel im Jahre 2003 dürfte auf die Durchuntersuchung der teilnehmenden Gruppe zurückzuführen sein. Nachdem diese vorbei ist, zeigt sich jetzt eine typische Screening-Senke. Der Effekt der PSA-Testung auf die Mortalität ist dagegen noch unklar.
Quellen:
- Rohde, V., et al.: Inzidenz- und Mortalitätsrate des Prostatakarzinoms in Deutschland sinken: Sind die Urologen besser geworden? 60. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Stuttgart, 24.-27.9.08, Abstract V 6.8, Urologe 2008 (Suppl 1):86
- Rohde, V., A. Katalinic: Sind die Urologen besser geworden? Inzidenz- und Mortalitätsrate des Prostatakarzinoms in Deutschland sinken. Blackwell, Berlin, MedReport 28:10 (August 2008)
Weitere Informationen:
- Zur Häufigkeit von Prostatakrebs in der Rubrik „Wissen“ im Abschnitt „Prostatakarzinom“ unter Häufigkeit und in der Rubrik „Weitere Infos“ im Abschnitt „Bücher“ unter Robert Koch Institut: Prostataerkrankungen
- Zum PSA in der Rubrik „Wissen“ im Abschnitt „Untersuchungen“ unter PSA-Bestimmung sowie in den Broschüren „Prostatakrebs – Viel häufiger als man denkt“ und „Prostatakrebs – Auf den Punkt gebracht“
- Zum Pro und Kontra des Tests: PSA-Test erneut in der Diskussion
