Dr. med. Hubert E. Weiß (12.03.2007)

Behandlung des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms


Der Stand der Forschung über die Hormon- und Chemotherapie wurde im September 2006 auf dem Hamburger Urologenkongress vorgestellt. Danach sollte zum Beispiel bald geklärt sein, warum manche Tumoren Hormon-unabhängig wachsen.

Als fortgeschritten gelten Prostatakarzinome, die die Prostatakapsel durchbrochen oder Metastasen (Tochtergeschwülste) in Lymphknoten oder an anderen Stellen des Körpers gebildet haben. Hinzu kommen Tumoren, die nach primärer Operation oder Bestrahlung erneut aufgetreten sind. In diesen Fällen können eine Hormontherapie oder eine Chemotherapie in Frage kommen.

Ein Hauptproblem bei der Hormontherapie ist die Hormon-Unempfindlichkeit (Androgenresistenz) von Tumoren: Wachstum und Ausbreitung des Prostatakarzinoms hängen normalerweise von Androgenen ab (männliche Geschlechtshormone). So kann man zur Behandlung ihren Spiegel absenken (z.B. mit LH-RH-Analoga) oder ihre Wirkung blockieren (mit Antiandrogenen). Oft wird der Tumor jedoch nach einigen Jahren androgenresistent (hormonrefraktär, Hormon-unempfindlich). Dabei spielen Veränderungen der Tumorzellen eine Rolle, denen die Forscher jetzt auf der Spur sind.

Sie können damit auch erklären, warum das Absetzen von Antiandrogenen bei einem hormonrefraktären Prostatakarzinom (HRPC) einen positiven Effekt haben kann. Weitere Möglichkeiten zur Behandlung eines HRPC werden untersucht, zum Beispiel neue Antiandrogene, Ketoconazol, Kortikoide, niedrig dosierte Östrogene (weibliche Geschlechtshormone), 5-alpha-Reduktase-Hemmer und Calcitriol.

Auch die Forschung zur Chemotherapie geht weiter, beispielsweise über ihren frühzeitigen (neoadjuvanten und adjuvanten), kombinierten (mit Hormontherapie oder anderen Medikamenten) und intermittierenden (unterbrochenen) Einsatz. Bislang wird sie begonnen, wenn ein HRPC fortschreitet, erkennbar an einem PSA-Anstieg, mit bildgebenden Verfahren oder an Krankheitszeichen. Verwendet werden vor allem Taxane, Methotrexat und Estramustinphosphat.

An hormonellen Behandlungsformen gibt es derzeit: Orchiektomie (Hodenentfernung), LH-RH-Analoga, nicht-steroidale und steroidale Antiandrogene sowie Östrogene. Form, Beginn und Dauer sind im Einzelfall festzulegen. Denn hier sind noch viele Fragen offen, es konnten aber auch einige geklärt werden. So ist der Nutzen der Hormontherapie schon vor (neoadjuvant) oder kurz nach (adjuvant) der Bestrahlung bei lokal fortgeschrittenen Tumoren wahrscheinlich. Und es gibt die Möglichkeit einer Stufentherapie in Abhängigkeit von den Befunden: 1. Kontrolliertes Zuwarten. 2. Antiandrogen. 3. LH-RH-Analogon (oder Orchiektomie). 4. Komplette Androgen-Blockade (LH-RH-Analogon + anderes Antiandrogen).

Zum unterbrochenen Androgen-Entzug (intermittierende antiandrogene Therapie, IAD) laufen fünf große Studien. Bisher ist bekannt, dass die IAD im Tiermodell die Zeit bis zur Entwicklung eines HRPC verlängern kann und die Prognose nicht verschlechtert. Vorgeschlagen wurde folgendes IAD-Modell: Bei bestimmten Patienten wird die Hormontherapie für mindestens neun Monate durchgeführt und bei ausreichendem PSA-Abfall gestoppt. Etwa drei Monate später normalisiert sich der Androgen-Spiegel, und die Nebenwirkungen (auch die bezüglich der Sexualfunktion) gehen zurück, was als größter Vorteil der IAD gilt. Bei einem erneuten PSA-Anstieg wird die Hormontherapie dann wieder eingeleitet. Weitere Studien sollen die Gabe anderer Medikamente in den Pausen betreffen.

Quelle (u.a.): 58. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Hamburg, 20.-23.9.06, Forum 15 „Therapie des lokal fortgeschrittenen und metastasierten Prostatakarzinoms“ am 22.9.06:

  • Baniahmad, A.: Mechanismen der Androgenresistenz (Vortrag 1)
  • Wirth, M.: Welche antihormonelle Therapie (Vortrag 2)
  • Tunn, U. W.: Intermittierende Hormonablation (Vortrag 3)
  • Sartor, O. A.: Secondary antihormonal therapy (Vortrag 4)
  • Wolff, J. M.: Chemotherapie (Vortrag 5)

Weitere Informationen zur medikamentösen Behandlung des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms: