Dr. med. Hubert E. Weiß (22.12.2006)

Impfung gegen Prostatakrebs?


Neue Studien lassen Hoffnungen auf solch eine einfache Vorbeugung oder Behandlung aufkeimen. Doch dahinter stecken komplizierte und noch nicht allgemein anwendbare Methoden zur Therapie des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms.

Verwirrende Begriffe

Unter Impfung (Schutzimpfung, Immunisierung) versteht man das künstliche Erzeugen einer Immunität (Unempfänglichkeit) zur Vorbeugung gegen eine Infektionskrankheit. Bei der aktiven Impfung (Vakzination) wird ein Impfstoff verabreicht (eine Vakzine, aus abgeschwächten Krankheitserregern oder aus Teilen oder Produkten des Erregers), bei der passiven Impfung erhält man gleich die vom Körper gegen die Infektion gebildeten Abwehrstoffe (Antikörper).

Man sollte also im Zusammenhang mit der Vorbeugung gegen Krebs oder gar mit dessen Behandlung nicht von Impfung sprechen, sondern besser von Immunprophylaxe bzw. Immuntherapie (auch deshalb das Fragezeichen in der Überschrift). Dennoch haben sich Begriffe wie therapeutische Impfung und Tumorvakzine mittlerweile eingebürgert.

Grundlagen

Das körpereigene Immunsystem dient nicht nur der Abwehr von Krankheitserregern, sondern auch der Beseitigung von veränderten Zellen, zum Beispiel von Krebszellen. Aber warum gelingt das nicht immer, warum kommt es zu Krebs? Diese zentrale Frage ist nach wie vor ungelöst.

Der Grund dafür liegt in den scheinbar unendlich komplizierten Vorgängen, der Fülle an beteiligten Molekülen (z.B. Gene, Botenstoffe, Hilfsstoffe) und Zelltypen. Viele Einzelheiten sind schon bekannt, anderes wird noch erforscht. Neben den Mechanismen der Krebsentstehung interessieren hier besonders die immunologischen (das Abwehrsystem betreffenden) Unterschiede zwischen bösartigen und normalen Zellen.

So sucht man in Tumoren nach Markern (Markierungssubstanzen), vor allem solchen, die eine Antikörperbildung hervorrufen können (Antigene). Denn weil die Antigen-Antikörper-Bindung spezifisch ist, lassen sich damit Tumorzellen nicht nur eindeutig identifizieren, sondern auch gezielt schädigen: Ein künstlicher Antikörper kann zur Immundiagnostik an eine Substanz gekoppelt werden, die im Körper mit bildgebenden Verfahren darstellbar oder bei der histologischen (feingeweblichen) Untersuchung sichtbar ist, und zur Immuntherapie an einen Stoff, der die Zielzellen durch Strahlung (Radionuklid) oder Eingriff in den Stoffwechsel schädigt (Zytostatikum). Ein weiterer Ansatz ist, das Antigen so aufzubereiten, dass das Abwehrsystem stimuliert wird und den Tumor beseitigt.

Bislang werden zur Therapie von fortgeschrittenen Tumoren Zytostatika eingesetzt. Ihre Wirkung, eine Wachstumshemmung, beruht vor allem darauf, dass Tumorzellen schneller wachsen als normale Zellen. Sie haben deshalb einen rascheren Stoffwechsel, nehmen mehr Wirkstoff auf und werden eher geschädigt. Die Immuntherapie verspricht hier künftig mehr Selektivität: Die Wirkung soll sich stärker als bisher möglich oder sogar ausschließlich auf Tumorzellen konzentrieren.

Immunologisch basierte Behandlung des Prostatakarzinoms

Beim Prostatakarzinom ist es bisher weder gelungen, einen ursächlichen Gendefekt zu identifizieren, noch spezifische Marker zu finden. So muss sich die Anwendungsforschung derzeit noch beschränken auf Vorgänge, die beim Entstehen und Wachstum von Krebs allgemein eine Rolle spielen, sowie auf Marker, die zwar hauptsächlich, aber nicht ausschließlich bei Prostatakrebszellen vorkommen (tumorassoziierte Antigene, z.B. PSA = Prostata-spezifisches Antigen, PAP = prostatische saure Phosphatase, PSMA = Prostata-spezifisches Membranantigen).

Geforscht wird im Labor und zum Teil auch schon klinisch an Patienten mit fortgeschrittenem, meist hormonrefraktärem Prostatakarzinom (HRPC, spricht nicht mehr auf Hormonbehandlung an). Es werden zahlreiche Substanzen geprüft, die zum Beispiel Wachstumsfaktoren des Tumors oder die Gefäßeinsprossung in den Tumor hemmen oder den programmierten Zelltod (Apoptose) der Tumorzellen beeinflussen. Auch die Gentherapie (z.B. mittels Viren Gene in Tumorzellen einschleusen oder Antigene dem Immunsystem präsentieren) und die Anwendung künstlicher, so genannter monoklonaler Antikörper („passive Impfung“) sind Gegenstand der Forschung.

Am weitesten fortgeschritten sind Versuche mit „Vakzinen“ (Impfstoffen), die aus ganzen Tumorzellen hergestellt werden und das Immunsystem zur Beseitigung des Tumors stimulieren sollen. Um Zellen des Patienten selbst zu verwenden (autologe Zellen), die individuelle und damit die am besten geeigneten Antigene tragen, müssen genügend Tumorgewebe entfernt und der Impfstoff sehr aufwendig produziert werden. Dagegen sind Zellen von anderen Patienten oder aus Labor-Zell-Linien (allogene Zellen) einfacher verfügbar, der Impfstoff daraus ist aber eventuell schwächer wirksam.

Dasselbe Ziel, die Provokation einer Immunantwort, verfolgen DC-„Vakzinen“ (aus DC, dendritic cells, spezielle Abwehrzellen). Diese Zellen werden aus dem Blut des Patienten gewonnen, mit Tumorantigenen beladen und wieder gespritzt. Die Studien hierzu sind ebenfalls erfolgversprechend, und eines der Verfahren soll vor der Zulassung stehen.

Nach wie vor ist jedoch ein großes Problem ungelöst: Der Tumor kann sich mittels verschiedener Mechanismen den Angriffen des Immunsystems entziehen. Und zahlreiche offene Fragen, beispielsweise nach den Risiken, der Dauerhaftigkeit des Behandlungserfolgs und dem Einsatz in früheren Stadien des Prostatakarzinoms, sind in künftigen Studien noch zu klären.

Quellen (u.a.):

  • Doehn, Ch.: Vakzinetherapie. 58. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Hamburg, 20.-23.9.06, Forum 15 „Therapie des lokal fortgeschrittenen und metastasierten Prostatakarzinoms“, Vortrag 6 am 22.9.06
  • Bastian, P. J., et al.: Differential expression of receptor and non receptor tyrosine kinases in prostate cancer. 58. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Hamburg, 20.-23.9.06, Abstract P exp 4.9
  • Fuessel, S., et al.: Vaccination of hormone-refractory prostate cancer patients with peptide cocktail-loaded dendritic cells: results of a Phase I clinical trial. 58. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Hamburg, 20.-23.9.06, Abstract P exp 5.9
  • Bei Prostata-Ca soll Impfung Standardtherapie unterstützen. Ärzte Zeitung, 8.6.06
  • Siebels, M.: Immunologische Grundlagen und Therapieoptionen beim metastasierten Prostatakarzinom. In: Hofstetter, A. (Hrsg.): Prostatakarzinom, Fortschritte in Diagnostik und Therapie. Urban & Vogel, München 2004


Weitere Informationen zum PSA: