Dr. med. Hubert E. Weiß (15.03.2006)
Prostatafrühkarzinom: Operation oder Abwarten?
Eine skandinavische Forschergruppe kam im Mai 2005 zu einem eindeutigen Schluss: Die radikale Prostatektomie senkt das Risiko der Sterblichkeit, der Metastasierung und des lokalen Tumorwachstums.
So lautet die Zusammenfassung der geschätzten 10-Jahres-Ergebnisse einer Studie nach bislang 9-jähriger Nachbeobachtung. Sie liefert damit einen wichtigen Beitrag zur Klärung der Frage, wie ein Karzinom zu behandeln ist, solange es noch auf die Prostata begrenzt ist. Denn außer den 6-Jahres-Ergebnissen derselben Studie, die 2002 veröffentlicht wurden, gibt es hierzu keine verlässlichen Daten.
Methoden
Zwischen 1989 und 1999 wurden 695 Männer in die Studie aufgenommen, die ein neu diagnostiziertes, lokal begrenztes und bisher unbehandeltes Prostatakarzinom hatten und jünger als 75 Jahre waren. Nach Aufklärung teilte man sie zufällig in zwei Gruppen ein: Die einen unterzogen sich einer radikalen Prostatektomie (RP-Gruppe), bei den anderen wurde kontrolliert abgewartet (englisch: watchful waiting, WW-Gruppe). Die weitere Behandlung (Hormontherapie, Bestrahlung, TUR-P) im Falle einer Tumorausbreitung war klar definiert. Fast alle Teilnehmer konnten bis 2003 über durchschnittlich 9,2 Jahre regelmäßig nachuntersucht werden.
Ergebnisse
Wie bei zufälliger Einteilung erwartet waren anfangs beide Gruppen hinsichtlich Alter der Männer, Tumorstadium, Gleason-Score (Maß für den Bösartigkeitsgrad), PSA-Spiegel und Art der Diagnosestellung vergleichbar. In der Nachbeobachtungszeit zeigten sich jedoch deutliche Unterschiede (s. Tabelle):

Insgesamt starben in der RP-Gruppe weniger Männer an Prostatakarzinom als in der WW-Gruppe (30 bzw. 50) und fast gleich viele aus anderen Gründen (53 bzw. 56, gesamt 83 bzw. 106).
Diskussion
Nach 10 Jahren waren die Sterblichkeit an Prostatakarzinom und die Gesamtsterblichkeit in der RP-Gruppe um 5,3% bzw. 5,0% niedriger als in der WW-Gruppe (statistisch signifikant). Da in letzterer zudem häufiger Fernmetastasen festgestellt wurden, könnte dieser Unterschied bei längerer Nachbeobachtung noch deutlicher werden. Er ist nicht auf eine Hormontherapie zurückzuführen, die in der RP-Gruppe sogar seltener erforderlich war als in der WW-Gruppe (bei 110 bzw. 177 Patienten).
Der Vorteil der radikalen Prostatektomie bezüglich der Sterblichkeit an Prostatakarzinom war am größten bei den unter 65-Jährigen, vielleicht auch auf diese Altersgruppe beschränkt. Einflüsse von PSA-Spiegel, Gleason-Score oder Tumorstadium auf die Prognose ließen sich nicht nachweisen, nicht zuletzt wegen der dafür zu geringen Fallzahlen.
Die möglichen Folgen der radikalen Prostatektomie (vor allem Inkontinenz und Erektionsstörungen) müssen gegen jene des kontrollierten Abwartens abgewogen werden: Das Risiko ist erheblich höher, dass der Tumor lokal fortschreitet oder metastasiert (s. Tabelle) und damit zunehmende Beschwerden auftreten (z.B. beim Wasserlassen, Schmerzen). Folglich werden auch weitere Behandlungen häufiger erforderlich (z.B. Hormontherapie, Bestrahlung), die wiederum Nebenwirkungen haben.
Hingegen spricht für das kontrollierte Abwarten (watchful waiting) bei einem Prostatafrühkarzinom, dass die Zeit zwischen der Diagnose und dem Auftreten von Symptomen lang ist und die 10-Jahres-Überlebensrate mit immerhin 85% nur wenig niedriger liegt als nach radikaler Prostatektomie. Letztere ist aber bei einem kleinen Tumor einfacher und schonender als bei einem großen Tumor. Und die Autoren erwarten, dass sich ihre Vorteile bei längerer Nachbeobachtung deutlicher zeigen werden.
Quelle
Bill-Axelson, A., L. Holmberg et al.: Radical prostatectomy versus watchful waiting in early prostate cancer. New Engl. J. Med. 352 (2005) 1977-1984
Weitere Informationen
- Behandlung des Prostatakarzinoms
- Broschüre „Die Radikaloperation der Prostata beim Prostatakarzinom“. Weiter ...
- Broschüre „Methoden der Strahlentherapie beim Prostatakarzinom“. Weiter ...