Dr. med. Hubert E. Weiß (25.07.2006)
PSA-Test erneut in der Diskussion
Eine amerikanische Studie vom Januar 2006 macht derzeit große Schlagzeilen: Kein Überlebensvorteil bei Prostatakarzinom (Prostatakrebs) durch PSA-Screening! Ist das wieder einmal ein Fehlalarm oder sind diese Zweifel berechtigt?
Liest man den Artikel von John Concato und Kollegen der Yale-Universität in New Haven (Connecticut, USA) im Original nach, so lautet ihr Schluss übersetzt: Diese Ergebnisse legen nicht nahe, dass das Screening mittels PSA-Test oder DRU (digitale rektale Untersuchung) die Sterblichkeit wirksam senkt. Die Ergebnisse schließen eine Senkung aber auch nicht aus. Und genau dies ist hier auch der springende Punkt:
Untersucht wurden Männer, bei denen zwischen 1991 und 1995 ein Prostatakarzinom diagnostiziert worden war. Davon wurden diejenigen, die zwischen 1991 und 1999 verstorben waren, mit gleich vielen von jenen verglichen, die zu diesem Zeitpunkt noch lebten. Trotz gleicher Behandlung in beiden Gruppen ergab der Vergleich nicht wie erwartet, dass sich die Verstorbenen zuvor seltener einem PSA-Test oder einer DRU unterzogen hatten.
Der Hauptkritikpunkt an dieser Studie ist, dass der Zeitraum zwischen Diagnose und Tod (bzw. Überleben) zu kurz ist. Insofern wird die vorsichtige Formulierung der Schlussfolgerung verständlich. Denn nicht umsonst werden bei Studien zur Krebsfrüherkennung normalerweise längere Überlebensraten verwendet (mindestens 10 Jahre).
Um verlässliche Aussagen über den Wert einer Früherkennungsmaßnahme zu ermöglichen, müssen die Teilnehmer zufällig einer Gruppe zugeordnet und dann mindestens 10 Jahre lang nachbeobachtet werden (prospektive, randomisierte Langzeitstudie). Zwei solcher Untersuchungen laufen zur Zeit, die ERSPC (European Randomized Screening for Prostate Cancer) und die amerikanische Screening-Studie PLCO (Prostate, Lung, Colorectal and Ovarian Cancer). Ihre Ergebnisse sind bis 2008 zu erwarten. Und so lange wird wohl die Diskussion um den PSA-Test noch anhalten.
Hier die wichtigsten Argumente im Zusammenhang mit dem PSA-Screening:
- Die Senkung der Sterblichkeit konnte in der Tat bislang noch nicht bewiesen werden, obwohl es darauf deutliche Hinweise gibt (s. Neues zur Prostatakrebs-Früherkennung).
- Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass ein einmalig gemessener PSA-Wert wenig Aussagekraft besitzt, sondern dass erst die Messung mehrerer Werte die Beurteilung der Anstiegsgeschwindigkeit erlaubt.
- Ein einmalig erhöhtes PSA darf nicht automatisch zur Biopsie (Entnahme einer Gewebeprobe) führen. Denn die Höhe des Schwellenwerts zur Empfehlung einer Biopsie ist umstritten, und die Erhöhung kann, muss aber nicht von einem Prostatakarzinom verursacht sein. Zudem kann in seltenen Fällen ein Prostatakarzinom vorliegen, obwohl der PSA-Wert (noch) normal ist. Je nach Höhe des Werts empfehlen sich deshalb zunächst der Ausschluss anderer Ursachen der Erhöhung und eine PSA-Kontrolle (s. hierzu auch PSA-Bestimmung).
- Es werden vermehrt erhöhte PSA-Werte entdeckt und dann bei zu vielen Männern eine Biopsie mit negativem Ergebnis durchgeführt, die entweder unnötig war, weil kein Krebs vorliegt, oder aber eine falsche Beruhigung gibt, weil der Krebsherd nicht getroffen wurde. Auf der anderen Seite bietet ein positives Ergebnis die Chance zum frühzeitigen Handeln (s. hierzu auch Prostatabiopsie).
- Bei den häufigeren Biopsien werden vermehrt Prostatakarzinome gefunden und mit eventuell schweren Folgen behandelt, die wegen ihres langsamen Wachstums vielleicht nie lebensbedrohlich geworden wären. Deshalb sollte die Behandlung immer individuell geplant werden. Prinzipiell besteht bei früher Entdeckung und Behandlung eine große Heilungschance (s. auch Früherkennung des Prostatakarzinoms und Prostatafrühkarzinom: Operation oder Abwarten?).
In zahlreichen Studien wurde und wird untersucht, wie sich das Vorgehen bei der Früherkennung oder bei nachgewiesenem Prostatakarzinom optimieren lässt, zum Beispiel anhand individueller Faktoren (z.B. Alter, Lebenserwartung) oder spezieller Untersuchungen (s. z.B. Neue Studien zur PSA-Anstiegsgeschwindigkeit).
Die Ergebnisse flossen in eine Leitlinie ein, die gerade überarbeitet wird. Eines ihrer wichtigsten Anliegen ist, eine automatische Abfolge von PSA-Test, Biopsie und Operation zu verhindern. Vielmehr wird ein sehr differenziertes Vorgehen empfohlen, das sich auf individuelle Faktoren und Befunde stützt.
Genau deshalb ist es besonders wichtig, dass sich der Mann umfassende und verlässliche Informationen besorgt, sei es vom behandelnden Arzt oder aus anderen Quellen, bevor er seine Entscheidung für oder gegen die Prostatakrebs-Früherkennung trifft. Er sollte dabei aber eines nicht vergessen, das auch für andere Untersuchungen gilt: Nichts wissen zu wollen, ändert nichts an den Tatsachen, beraubt einen aber der Chance zum Handeln.
Quelle: Concato, J., et al.: The effectiveness of screening for prostate cancer: a nested case-control study. Arch Intern Med 2006; 166: 38-43
Weitere Informationen
- PSA, PSA-Spezialwerte und Leitlinie siehe "PSA-Bestimmung" im Abschnitt "Untersuchungen" der Rubrik "Wissen"
- Weitere Artikel zum PSA und zur Prostatakrebs-Früherkennung hier im Magazin unter "Diagnostik"
- Broschüre "Prostatakrebs - Viel häufiger als man denkt"
- Broschüre "Die Prostatastanzbiopsie"
