Dr. med. Hubert E. Weiß (04.08.2004)
Chemische Vorbeugung gegen Prostatakarzinom (Prostatakrebs)
Gemeint sind hier nicht nur Medikamente, sondern auch ganz normale Stoffe in unserer Nahrung. In der Fachpresse sind gleich zwei neue Artikel erschienen, die sich mit der Frage befassen, ob sich mit solchen Stoffen das Auftreten eines Prostatakarzinoms verhindern lässt.
Schon seit Jahrzehnten ist bekannt, dass das Prostatakarzinom in westlichen Ländern wesentlich häufiger vorkommt als beispielsweise in Asien. Neben den Erbanlagen scheinen hierbei auch Umweltfaktoren, insbesondere die Ernährung eine wichtige Rolle zu spielen. Denn wenn Asiaten in westliche Länder auswandern, steigt das Risiko ihrer männlichen Nachfahren schon nach wenigen Generationen auf die dortigen Verhältnisse an.
So wurden und werden zahlreiche Studien durchgeführt mit dem Ziel, eines Tages bestimmte Ernährungsformen, Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente zur Vorbeugung gegen Prostatakarzinom empfehlen zu können. Bislang scheint es, als hätten vor allem Pflanzeninhaltsstoffe wie Phytoöstrogene und Karotinoide, die Vitamine D und E, das Spurenelement Selen, Omega-3-Fettsäuren und 5α-Reduktasehemmer einen positiven Effekt.
5α-Reduktasehemmer hemmen das Enzym 5α-Reduktase, das das männliche Geschlechtshormon Testosteron in seine biologisch aktivste Form umwandelt, das Dihydrotestosteron (DHT). Neben Phytoöstrogenen tun dies auch die beiden Wirkstoffe Finasterid und Dutasterid, die bereits in Medikamenten gegen die gutartige Prostatavergrößerung (BPH) eingesetzt werden. Sie sind deshalb für die Forscher so interessant, weil Prostatakarzinome in Abhängigkeit von männlichen Geschlechtshormonen wachsen und weil bei Japanern, bei denen das Prostatakarzinom weltweit am seltensten auftritt, die 5α-Reduktase-Aktivität in der Prostata besonders niedrig ist.
Aus den Studienergebnissen leiten sich erste, vorsichtige Empfehlungen ab, die Ernährung auf eine asiatische oder mediterrane Kost umzustellen. Besonders wertvoll sind Sojabohnen (Phytoöstrogene), Tomaten (Lycopin, ein Karotinoid) und andere Gemüse, Pflanzenöle (Vitamin E), Obst und Fisch (Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D, Selen). Abgesehen davon, dass diese Kostformen auch aus anderen Gründen, zum Beispiel wegen ihres Ballaststoffgehalts als gesund gelten.
Im Unterschied dazu werden derzeit weder eine vorbeugende Einnahme von 5α-Reduktasehemmern noch eine langdauernde, vermehrte künstliche Zufuhr (Supplementierung) der genannten Nahrungsbestandteile empfohlen.
Dazu müssen die Ergebnisse noch bestätigt werden, und es sind noch eine Menge ungeklärter Fragen zu beantworten. Beispielsweise zu möglichen unerwünschten Wirkungen wie die Förderung anderer Krebsformen. Zudem scheint die Umstellung der Ernährung besser wirksam zu sein als eine Supplementierung zusätzlich zur gewohnten Nahrung, vielleicht wegen weiterer, noch unbekannter Inhaltsstoffe.
Quellen:
Djavan, B., I. Thompson, M. S. Michel, M. Waldert, C. Seitz: Chemoprävention des Prostatakarzinoms. Urologe (A) 43 (2004) 557-561
Ravery, V.: Diet and chemoprevention of prostate cancer. European Urology Supplements 3 (2004) 18-20
