Chemotherapie des Prostatakarzinoms
Die Behandlung mit Zytostatika wird in der Regel bei einem Hormon-unempfindlichen (hormonrefraktären) Prostatakrebs durchgeführt, der bereits Metastasen gebildet hat. Dazu kommen verschiedene Wirkstoffe infrage.
Unter Chemotherapie versteht man eine Behandlung mit Medikamenten, die Krankheitserreger oder Tumorzellen möglichst ohne Schädigung anderer Zellen in ihrem Wachstum hemmen oder abtöten. In einem engeren Sinn beschränkt man den Begriff oft auf die Therapie bösartiger Tumoren mit chemischen Mitteln. Die dafür geeigneten Wirkstoffe gehören meist (aber nicht ausschließlich) zu den so genannten Zytostatika („Zellgifte“), die die Teilung der Zellen verhindern oder verzögern. Nicht zur Chemotherapie zählt die Behandlung mit biologischen Mitteln, die den Tumor über Mechanismen des Immunsystems (körpereigene Abwehr) bekämpfen wie Impfstoffe und Antikörper (s. weitere systemische Therapie.
Vor allem weil das Prostatakarzinom sehr langsam wächst, sind Zytostatika nur wenig wirksam. Eine dauerhafte Heilung konnte damit bisher nicht erreicht werden, auch nicht mit anderen Chemotherapeutika oder Kombinationsbehandlungen. Ziel ist deshalb insbesondere eine Steigerung der Lebensqualität durch Linderung von Schmerzen und Verbesserung des Allgemeinzustands. Weil sich das objektive Ansprechen des Tumors, seine Remission (Rückbildung) nur sehr schwer messen lässt, wird der Therapieerfolg stattdessen meist beurteilt anhand der mittleren Überlebenszeit, des Rückgangs von Beschwerden und insbesondere des PSA-Spiegels (Abfall um mehr als 50%).
Eingesetzt wird die Chemotherapie in der Regel bei einem hormonrefraktären Prostatakarzinom (HRPC), das Metastasen gebildet hat, also dann, wenn der Tumor nicht mehr auf hormonwirksame Maßnahmen anspricht (s. Hormontherapie bei PSA-Wiederanstieg). Der PSA-Spiegel sollte über 5ng/ml liegen und bei Patienten ohne weitere Symptome mindestens zweimal über einen vorherigen Tiefpunkt angestiegen sein.
Es gibt noch keine allgemeinen Empfehlungen dazu, wann der optimale Zeitpunkt zum Einsatz ist (s.u. unter Beginn der Chemotherapie), welche Mittel verwendet werden sollen und ob die Chemotherapie unterbrochen werden kann. Diese Fragen sowie die Vorteile und möglichen unerwünschten Wirkungen sind immer anhand der Befunde und der individuellen Situation des Betroffenen zu klären.
Estramustin
Bei diesem Wirkstoff handelt es sich um eine Verbindung aus einem Östrogen und einem Zytostatikum. Estramustin hat also sowohl eine hormonelle als auch eine chemotherapeutische Wirkung. Allein eingesetzt war es lange Zeit Standard bei der Chemotherapie des HRPC. Die Ansprechraten (PSA-Abfall um mehr als 50%) liegen bei etwa 20%, und die 2-Jahres-Überlebensrate ist bei Patienten, die auf die Therapie ansprechen, höher als bei Patienten ohne Abfall des PSA-Werts um mehr als 50%. Estramustin wird heute meist in Kombination mit Taxanen (s.u.) verwendet oder auch mit anderen Substanzen (z.B. Vinblastin, Carboplatin, Cisplatin, Etoposid).
Mitoxantron
Mitoxantron ist ein Zytostatikum, das meist bei einem symptomatischen (Beschwerden verursachenden) HRPC gegeben wird, und zwar in Kombination mit Kortikosteroiden (Prednison oder Hydrocortison). Ein PSA-Abfall um mehr als 50% und eine deutliche Schmerzstillung treten bei je etwa 30% auf, die mittlere Überlebenszeit liegt bei etwa 16 Monaten.
Taxane
Taxane (z.B. Docetaxel, Paclitaxel) sind Wirkstoffe aus Eiben, die beim HRPC viel versprechende Ergebnisse liefern. Bei einer Behandlung mit Docetaxel alleine oder in Kombination mit Estramustin kommt es bei knapp der Hälfte der Patienten zu einem PSA-Abfall um mindestens 50% und bei etwa 35% zu einer deutlichen Schmerzstillung. Die mittlere Überlebenszeit ist mit etwa 19 Monaten länger als bei Mitoxantron.
Die Gabe von Docetaxel alle drei Wochen gilt derzeit als Standard, eine Unterbrechung der Therapie (intermittierende Chemotherapie) und eine wöchentliche, niedriger dosierte Gabe bei Begleiterkrankungen sind möglich. Gegenstand von Untersuchungen sind noch unter anderem die optimale Zahl der Behandlungszyklen, die Dauer möglicher Unterbrechungen und die Kombination mit anderen Substanzen (z.B. Mitoxantron, Estramustin, Thalidomid, Calcitriol = Vitamin D).
Weitere Zytostatika
Zahlreiche weitere Wirkstoffe, alleine oder in Kombinationen, wurden und werden auf ihre Effekte beim HRPC hin untersucht, zum Beispiel Doxorubicin, Epirubicin, Vinorelbin, Epothilone (z.B. Ixabepilon), Vinblastin, Etoposid, Cyclophosphamid, Carboplatin, Cisplatin und Satraplatin. Bisher haben sich daraus aber noch keine Therapieempfehlungen ergeben.
Beginn der Chemotherapie
Steigt der PSA-Spiegel während einer Hormontherapie wieder an, so stellt sich die Frage nach einer Chemotherapie. Jedoch ist der optimale Zeitpunkt zu deren Beginn noch nicht endgültig geklärt. Er wird derzeit in der Regel mit Hilfe von Nomogrammen bestimmt, die zur Abschätzung der individuellen Prognose anhand der Befunde dienen.
Bei Patienten ohne Beschwerden und mit günstiger Prognose sind zunächst weitere hormonwirksame Maßnahmen gerechtfertigt (s. Hormontherapie bei PSA-Wiederanstieg), deren Wirkung bei 4-wöchigen PSA-Kontrollen schnell zu erkennen ist. Bei Patienten ohne Beschwerden und mit ungünstiger Prognose sollten mindestens drei Zyklen Chemotherapie gegeben werden, um das Ansprechen und die Verträglichkeit festzustellen. Bei Patienten mit Beschwerden kommt eine frühe Behandlung mit Docetaxel infrage. Sollte der Tumor in den letzten beiden Fällen nicht auf die Chemotherapie ansprechen, so können wiederum hormonwirksame Maßnahmen versucht werden.
Anmerkung: Insbesondere die Empfehlungen zum Einsatz der Methoden und ihre Ergebnisse beziehen sich auf die neueste Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU: Guidelines on Prostate Cancer, 2007/2008).
Autoren: Prof. Dr. med. J. Sökeland und Dr. med. Hubert E. Weiß, 09.06.2009
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