Arzneimittelinteraktionen bei Patienten mit Prostatakarzinom

Die häufig nötigen Langzeit- und Kombinationstherapien bei Prostatakrebspatienten steigern das Risiko für mögliche Arzneimittelinteraktionen. Gerade bei älteren Menschen sind Polymedikationen weit verbreitet und können besonders bei onkologischen Patienten zum Auftreten von schwerwiegenden unerwünschten Arzneimittelwirkungen beitragen.1,2 Im urologischen Klinik- und Praxisalltag werden deshalb Kenntnisse über pharmakokinetische und pharmakodynamische Arzneimittelinteraktionen immer wichtiger.1,2,3

Die bei älteren Patienten verbreiteten Polymedikationen und das damit verbundene Risiko für Arzneimittelinteraktionen kann bei Krebspatienten schwerwiegende unerwünschte Arzneimittelwirkungen begünstigen.1,2 Ein Kriterium für eine gute Arzneimittelverordnungspraxis ist daher die Berücksichtigung von Arzneimittelinteraktionen mit einer ggf. daraus resultierenden Dosisanpassung bzw. Verordnung einer anderen Substanz.1

Gewünschte und unerwünschte Arzneimittelinteraktionen

Medikamenteninteraktionen können häufig unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) nach sich ziehen. So steigerten Arzneimittelinteraktionen in einer Studie die Zahl der vermeidbaren Hospitalisierungen und Intensivaufnahmen.1,4

Umgekehrt kann durch die Vermeidung von Arzneimittelwechselwirkungen die UAW-Rate auf einer Intensivstation um etwa die Hälfte reduziert werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine prospektive kontrollierte interventionelle Kohortenstudie, die an einer deutschen Universitätsklinik durchgeführt wurde. Eingeschlossen wurden insgesamt 265 Intensivpatienten, die ≥ 8 Arzneimittel erhielten.5

Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln können aber auch gezielt eingesetzt werden, um die Effektivität der Therapien zu erhöhen.1

Wechselwirkung ist nicht gleich Wechselwirkung: Welche Unterschiede Sie kennen sollten

Abhängig vom zugrundeliegenden Interaktionsmechanismus der betrachteten Arzneimittel wird zwischen pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Wechselwirkungen unterschieden:1

Wie groß die klinische Relevanz einer Arzneimittelinteraktion bei Antiandrogenen ist, hängt u. a. ab:3

  • von der therapeutischen Breite des betroffenen Arzneistoffs

  • und vom Ausmaß, in dem das entsprechende Enzym am Gesamtmetabolismus des Arzneimittels beteiligt ist.

Insbesondere bei Arzneimitteln mit einer geringen therapeutischen Breite kann es zu klinisch-relevanten Arzneimittelinteraktionen kommen, die Dosisanpassungen, das Absetzen der Komedikation oder einen Substanzwechsel notwendig machen können.3

Schlüsselrolle des Cytochrom-P450-Systems bei Arzneimittelinteraktionen

Die Hemmung oder Induktion der Verstoffwechslung von Arzneimitteln ist die häufigste Ursache für Arzneimittelwechselwirkungen. Der wichtigste Katalysator der Verstoffwechslung von Arzneistoffen ist das Cytochrom-P450 (CYP450)-System, das hauptsächlich in der Leber und der Darmschleimhaut lokalisiert ist. Das CYP450-System umfasst 12 Isoenzyme mit gleicher Funktion und unterschiedlicher Substratspezifität. Beispielsweise gehören Bestandteile der am häufigsten eingesetzten Arzneimittel bei Prostatakarzinom (PCa)-Patienten zu den Substraten des Isoenzyms CYP3A4. Insgesamt wird etwa jedes 2. therapeutisch eingesetzte Medikament von CYP3A4 metabolisiert.3

Kostenloses Onlinetool zur Vorhersage von Wechselwirkungen

Kostenpflichtige Praxis- und Klinik-Programme enthalten Funktionen, um die Interaktion von Medikamenten vorherzusagen. Eine gute und kostenfreie Online-Alternative für Ärzte ist der Wechselwirkungscheck unter http://www.wechselwirkungscheck.de. Das Tool wird u. a. empfohlen von Prof. Dr. med. Walter E. Haefeli (Ärztlicher Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie, Universitätsklinikum Heidelberg). Ärzte können sich hier über Ihren DocCheck-Account einloggen, zwei oder mehr Wirkstoffe eingeben und sich mögliche Arzneimittelinteraktionen vorhersagen lassen.

Mit dem Medikationsplan alles im Blick

Seit dem 1. Oktober 2016 haben Patienten, die mindestens 3 verordnete, systemisch wirkende Medikamente gleichzeitig und dauerhaft einnehmen oder anwenden, Anspruch auf einen bundeseinheitlichen Medikationsplan. Der Medikationsplan soll möglichst alle verschreibungspflichtigen Arzneimittel und die Selbstmedikation des Patienten umfassen. Aufgeführt werden darin neben dem Wirkstoff und der Dosierung z. B. auch der Grund für die Einnahme und sonstige Hinweise.6

Der Medikationsplan bietet nicht nur Vorteile für den Patienten. Auch der behandelnde Arzt kann damit potenzielle Medikamenteninterkationen leichter erkennen und die Medikation des Patienten nachverfolgen. Neben der Papier-Variante ist auch die elektronische Speicherung der Medikationsdaten mit Einverständnis des Patienten geplant. Damit können Ärzte Ergänzungen und Änderungen bei der Medikation zukünftig noch leichter prüfen und unerwünschte Arzneimittelinteraktionen damit vermeiden.6 Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf der Webseite der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zum Thema Medikationsplan.