Erblich bedingtes Prostatakarzinom (PCa)

Aktuelles zur Genomforschung – Was sollten onkologische Pflegekräfte wissen?

30 % bis 40 % der im jüngeren Alter auftretenden Prostatakarzinome (PCa) sind familiär vererbt und haben meist einen progressiven Verlauf. Heute können Gentests zur Risikobewertung eines vererbten PCa in Betracht gezogen werden. Die Ergebnisse eines solchen Tests können Folgen für die Behandlung und für die Familienmitglieder des Betroffenen haben. Hinweise darauf, dass es sich um ein vererbtes PCa handelt, können auch von onkologischen Fachkräften erkannt werden. Dementsprechend sollten sie mit den genetischen Testmöglichkeiten bei Prostatakrebs vertraut sein.1

Die Mehrheit der Prostatakarzinome tritt sporadisch bei Männern auf ohne eine vererbte Genmutation aufzuweisen. Weniger als 10 % der Prostatakarzinome sind erblich bedingt. Der vererbte Prostatakrebs (hereditary prostate cancer, HPC) spielt jedoch eine wichtige Rolle bei früh einsetzender Erkrankung. 30 % bis 40 % dieser Prostatakarzinome sind familiär vererbt und haben meist einen aggressiven Verlauf.

Mehrere HPC-assoziierte Genmutationen wurden bisher identifiziert und stehen als Gentests zur Verfügung. Weitere Prostatakrebs-assoziierte Genmutationen werden in Kürze identifiziert werden. Das National Comprehensive Cancer Network (NCCN) veröffentlichte Kriterien für die Diagnostik von Genmutationen. Die NCCN-Richtlinien für Prostatakrebs heben hervor, dass die Familiengeschichte des Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose PCa bewertet werden sollte. Von den Genen, die mit Prostatakrebs in Verbindung gebracht werden, sind BRCA1 und BRCA2 die einzigen, für deren Diagnostik spezifische Kriterien veröffentlicht wurden. In den deutschen Leitlinien werden derzeit noch keine Empfehlungen zur Durchführung von Gentests bei Patienten mit PCa gegeben.

Onkologische Pflegekräfte bauen im Laufe der Zeit häufig eine sehr enge Beziehung zu ihren Patienten auf. Diese sprechen oft über ihre Ängste, ihre Krankheit an Familienmitglieder "weiterzugeben". Pflegekräfte sind daher in einer idealen Position, um mit Patienten über familiäre Vorgeschichten einer Krebserkrankung zu sprechen und ein mögliches erbliches Krebssyndrom zu erkennen.

Wichtige familiäre Hinweise auf ein HPC sind zum Beispiel:

  • Krebserkrankungen, die im Alter von weniger als 50 Jahren diagnostiziert werden

  • Mehrere primäre Krebsarten bei einer Person

  • Krebs der gleichen Art bei mehr als einer Person in der Familie

  • Seltene Krebsarten (z.B. männlicher Brustkrebs).

Vor diesem Hintergrund sollten auch onkologische Fachkräfte mit den genetischen Testmöglichkeiten bei Prostatakrebs vertraut sein.1

PCa Gentests

Durch die molekulargenetische Diagnostik wird der behandelnde Arzt nicht nur bei der Diagnosestellung, sondern immer öfter auch bei einer Therapieentscheidung unterstützt. Hierdurch wird auch eine konkretere Beratung zum Krankheitsverlauf und Prognose möglich. Prostata-Gentests können in zwei Gruppen klassifiziert werden, die als Einzelgen oder als Panel-Diagnostik eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um die Keimbahn-Tumordiagnostik und die somatische Tumordiagnostik.1

Keimbahn-Tumordiagnostik

Keimbahn ist der Sammelbegriff für alle Zellen, die genetisches Material an die nächste Generation weitergeben. Dazu gehören zum Beispiel die Spermien und Eizellen sowie die Gameten, die während der Befruchtung zu einer Zygote verschmelzen, aus der sich ein Embryo entwickeln kann. Wird eine genetische Mutation in der Keimbahn festgestellt, betrifft sie jede Zelle und kann an Nachkommen weitergegeben werden. Wenn eine Keimbahnmutation in einem Hochrisikokrebsgen wie BRCA2 identifiziert wird, werden Überlegungen zur Früherkennung und Behandlung von Prostatakrebs angestellt. Das betrifft dann auch Familienmitglieder, die diese Genmutation erben können. Eine Keimbahn-Tumordiagnostik für BRCA1 und BRCA2 soll jetzt auch nach den Richtlinien des National Comprehensive Cancer Network (NCCN) bei Männern mit nachgewiesenem metastasierendem Prostatakrebs durchgeführt werden.1

Somatische-Tumordiagnostik

Eine somatische Zelle ist eine Körperzelle, aus der im Unterschied zu den Zellen der Keimbahn keine Geschlechtszellen hervorgehen können. Genetische Untersuchungen an somatischem Gewebe, in diesem Fall dem Prostatatumor, können Mutationen identifizieren, die die Therapieentscheidungen leiten. Somatische Tests können an Gewebe aus einer Prostatanadelbiopsie durchgeführt werden. Diese biologischen Informationen helfen bei der Unterscheidung von Prostatakrebs mit geringem und hohem Risiko und zielen so auf Behandlungen wie Operation und Bestrahlung für Menschen mit aggressiven Erkrankungen ab. Die Ergebnisse haben Auswirkungen auf systemische Therapieentscheidungen, die Einschreibung in klinische Studien sowie darauf, ob weitere Keimbahn-Gentests bei gefährdeten Familienmitgliedern angezeigt sind.1

HPC assoziierte Gene, deren Mutationen und Krankheitserscheinungen

Erblicher Brust-Eierstockkrebs

Mutationen in BRCA1- und BRCA2-Genen sind u.a. mit HBOCS (hereditary breast and ovarian cancer syndrome) verbunden. Diese Gene sind Tumorsuppressorgene und kodieren für die Proteine BRCA1 bzw. BRCA2. Die genannten Proteine schützen vor der Entstehung von Krebs, indem sie Brüche im DNA-Code reparieren. Wenn DNA-Schäden nicht richtig repariert werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Zellen Mutationen entwickeln, die zu Krebs führen können. Zu den Krebsrisiken für HBOC gehören Brustkrebs bei Frauen und Männern, Eierstockkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs, wobei mehrere Studien zeigen, dass das Prostatakrebsrisiko ebenfalls erhöht ist. Das Risiko für Prostatakrebs ist für Träger einer BRCA2-Mutation höher als für diejenigen mit einer BRCA1-Mutation. BRCA2-Mutationen wurden mit Prostatakrebs in einem früheren Alter und mit einer aggressiveren Krankheit in Verbindung gebracht. Die Forschung hat gezeigt, dass Männer mit BRCA1- oder BRCA2-Mutationen, deren Prostatakrebs mit einer Operation oder Strahlentherapie behandelt wurde, früher Metastasen entwickeln und versterben. Für Mutationsträger von BRCA1 und BRCA2 gibt es spezifische Richtlinien für die Früherkennung von Prostatakrebs. Das Prostatakrebs-Screening ist für BRCA2-Mutationsträger im Alter von 45 Jahren "empfohlen" und für BRCA1-Mutationsträger im Alter von 45 Jahren "in Betracht zu ziehen". Bestätigt sich bei dieser Untersuchung eine BRCA1/2-Mutation, gibt es eine neue Behandlungsoption mit sogenannten PARP-Hemmern.1

HOXB13

Viele Studien haben gezeigt, dass Träger einer spezifischen Mutation im HOXB13-Gen ein erhöhtes Risiko für Prostatakrebs haben. Diese ist auch bekannt als G84E-Mutation und mit einem früheren Krankheitsbeginn (˂ 55 Jahre) und der familiären Vorgeschichte von Prostatakrebs verbunden.1

Lynch Syndrome

Es gibt fünf Gene, die mit dem Lynch-Syndrom verbunden sind (auch bekannt als Hereditary Nonpolyposis Colorectal Cancer Syndrome oder HNPCC). Diese sind als Reparaturgene bekannt, weil die Proteine, die sie kodieren, Fehlanpassungen in DNA-Basenpaaren beheben. Dieser Mechanismus schützt vor Krebs. Das Lynchsyndrom ist mit einem erhöhten Risiko für Krebs (Darm, Endometrium, Eierstock, Magen, Dünndarm, Leber, Gallenblasengänge, oberen Harnwege, Gehirn) und mit Talgneubildungen der Haut verbunden. Viele Studien haben zudem Belege dafür gefunden, dass diese Gene mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs in Verbindung gebracht werden können.1

CHEK2

CHEK2 ist ein Gen, dessen kodiertes Protein an der DNA-Schadensregulierung bei mehreren Zelltypen beteiligt ist. Dazu gehören Zellen bei Brustkrebs, Darmkrebs und Prostatakrebs. Studienergebnisse zeigten, dass die drei polymorphen Varianten von CHEK2 in 5,5% der Bevölkerung in Polen vorhanden waren und alle drei Varianten mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs verbunden waren.1

Weitere Gene, deren Mutationen ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines PCa darstellen sind ATM, NBN, PALB2, RAD51D, TP53. Dabei handelt es sich meist um Gene, deren kodierte Proteine an der Reparatur beschädigter DNA beteiligt sind.1

Philadelphia prostate cancer Konsensus

Die Richtlinien für den Einsatz einer genetischen Diagnostik bei PCa sind begrenzt. 2017 wurde eine Expertenkonsensuskonferenz für Prostatakrebs einberufen. Ziel war es, einen Rahmen für eine umfassende genetische Bewertung des vererbten Prostatakrebs zu entwickeln. Unter anderem wurden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • bei Männern mit PCa und einer familiären Vorgeschichte sollte eine Prüfung auf HBOCS, HOXB13 und Lynch-Syndrom durchgeführt werden (starker Konsens)

  • die Bestimmung des BRCA2-Status sollte in die Behandlung eines PCa im Frühstadium einbezogen werden (moderater Konsens)

  • die Bestimmung des BRCA2-Status sollte zur Unterstützung der klinischen Entscheidungsfindung bei Männern mit hochriskantem oder fortgeschrittenem Prostatakrebs oder metastasierenden Erkrankungen berücksichtigt werden

  • allen Männern mit metastasierendem, kastrationsresistentem Prostatakrebs, unabhängig von der Familiengeschichte, sollten Gentests angeboten werden (moderater Konsens)

  • Im Hinblick auf Gentests zur Aufklärung der Prognose und zielgerichteten Therapie sollten bei Männern mit metastasierendem, kastrationsresistentem Prostatakrebs die Gene BRCA1 und BRCA2 (starker Konsens) und ATM (moderater Konsens) getestet werden1


Fazit

Es ist damit zu rechnen, dass in den nächsten Jahren weitere genetische Ursachen familiärer Prostatakarzinome entdeckt werden. Die Ergebnisse der Philadelphia Prostate Cancer Consensus Konferenz beginnen, Lücken in der genetischen Bewertung von ererbtem Prostatakrebs zu schließen. Ihre Empfehlungen zu Gentests werden wahrscheinlich zukünftige nationale Empfehlungen prägen. Onkologische Fachkräfte spielen eine entscheidende Rolle bei der Kommunikation mit dem Patienten. Durch sie können Informationen über familiäre Krebserkrankungen bei allen Patienten regelmäßig eingeholt werden. Wenn es in der Familie mehrere, junge und/oder seltene Krebsfälle gibt, kann der Patient durchaus von einer genetischen Bewertung profitieren. Es ist wichtig, dass Pflegekräfte über die Bedeutung der Gentestergebnisse informiert sind. Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, dass Gentestergebnisse helfen können, die Behandlung anzupassen und potenziell lebensrettende Informationen für andere Familienmitglieder liefern könnten.1 Für Männer mit mehreren an Prostatakrebs erkrankten Verwandten oder mit auffallend jung Betroffenen in der Familie steht bisher kein Gentest zur Verfügung, der das gesamte bekannte Risikospektrum abdecken würde. Ansprechpartner für eine Beratung und eventuell gezielte Früherkennungsmaßnahmen ist der Hausarzt oder der behandelnde Urologe. Er kann gegebenenfalls auch zu einer spezialisierten genetischen Beratungsstelle überweisen. Diese finden sich etwa an Universitätskliniken mit Instituten für Humangenetik, es gibt aber auch Spezialisten in kleineren Kliniken oder in eigener Praxis.2

Autor: bb

  1. McReynolds KM and Connors LM. Genomics of prostate cancer: What nurses need to know. Seminars in Oncology Nursing 2019; 35 (No 1): 79 ─ 92.

  2. Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum 2019. https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/prostatakrebs/risikofaktoren.php#inhalt12 (abgerufen am 12.03.2019)