Prostatitis (Prostataentzündung)

Als gut durchblutete Drüse mit direkter Verbindung zur Harnröhre ist die Prostata relativ oft von akuten oder chronischen bakteriellen Infektionen betroffen. Zudem kann sie im Zentrum chronischer Beckenschmerzen stehen.

Die Prostatitis wird nach der US-amerikanischen Klassifikation (NIH/NIDDK 1995/1999) eingeteilt in:

I Akute bakterielle Prostatitis (von Bakterien verursacht, s.u.)

II Chronische bakterielle Prostatitis (von Bakterien verursacht, s.u.)

III Chronisches Beckenschmerzsyndrom (CBSS) / chronische (abakterielle) Prostatitis (nicht von Bakterien verursacht, s.u.)

A: Entzündliche Form

B: Nichtentzündliche Form

IV Asymptomatische entzündliche Prostatitis: Keine Krankheitszeichen. Entweder anhand von Entzündungszellen im Prostatasekret oder im Sperma entdeckt oder aber in entferntem Gewebe mikroskopisch nachgewiesen (z.B. in der Prostatabiopsie; deshalb auch „histologische Prostatitis“ genannt). Keine Behandlung erforderlich. Diese Form wird hier nicht weiter beschrieben.

Akute bakterielle Prostatitis

Diese akute Entzündung der Prostata wird von Bakterien verursacht und geht mit Fieber und heftigen Beschwerden einher. Betroffen sind oft, aber nicht ausschließlich Männer unter 50.

Die akute bakterielle Prostatitis kann eine sehr schwere Erkrankung sein und erfordert normalerweise die hoch dosierte Gabe von Antibiotika. Bei Abwehrschwäche (z.B. durch eine HIV-Infektion oder Chemotherapie) kann auch eine akute Prostatitis auftreten, die nicht von Bakterien, sondern von anderen Krankheitskeimen (z.B. Pilzen) verursacht wird. Diese Form ist nachfolgend nicht berücksichtigt.

Ursache und Entstehung

Ursache der akuten Prostataentzündung sind Bakterien. Es kommen verschiedene Arten in Betracht, am häufigsten handelt es sich um Darmkeime. Denn die Keime gelangen meist über die Harnröhre in die Prostata, weil es eine direkte Verbindung zwischen beiden Organen gibt. Ausgangspunkt ist dementsprechend oft eine Entzündung der Harnröhre (Urethritis), der Harnblase (Zystitis) oder der Drüsen in der Umgebung der Harnröhre. Auch durch Geschlechtsverkehr können Krankheitserreger in die Harnröhre eindringen. Begünstigend für das Eindringen von Bakterien wirken harnstauende Veränderungen der Harnröhre (z.B. StrikturStenose) und eine Vorhautverengung (Phimose, fördert die Keimbesiedelung und kann den Harnabfluss behindern).

Ein zweiter Weg führt von einer Entzündung der Nebenhoden (Epididymitis) oder der Samenblasen (Spermatozystitis) über die Samenwege in die Prostata. Nur selten erreichen die Bakterien aus Entzündungsherden an anderen Stellen des Körpers die Prostata über den Blutweg (z.B. von Zähnen, Mandeln) oder über Lymphgefäße (vom Dickdarm, aus dem Analbereich). Auch nach urologischen Eingriffen wie Katheterisierung, Blasenspiegelung (Zystoskopie) oder Probeentnahme (Prostatabiopsie) kann es zu einer akuten bakteriellen Prostatitis kommen.

Krankheitszeichen

Es treten mehr oder weniger plötzlich heftige Beschwerden wie bei einer Blasenentzündung auf, gefolgt von hohem Fieber mit Schüttelfrost: Häufiges Wasserlassen (Pollakisurie), erschwertes Wasserlassen (Dysurie), abgeschwächter Harnstrahl (evtl. bis zur akuten Harnverhaltung = Ischurie), Brennen der Harnröhre am Ende des Wasserlassens, schmerzhaftes Wasserlassen (Algurie) und unwiderstehlicher Harndrang (imperativer Harndrang).

Weitere Zeichen sind Druck oder Schmerzen am Damm sowie Stuhldrang und Schmerzen beim Stuhlgang, manchmal auch ein leichter Ausfluss aus der Harnröhre und Schmerzen beim Samenerguss (Ejakulation). Hinzu kommen in der Regel die Zeichen der Entzündung, von der die Prostatitis ausgeht (s.o.).

Untersuchung

Bei der digitalen rektalen Untersuchung (DRU, Abtasten mit dem Finger vom Mastdarm aus) ist die Prostata in der Regel druckschmerzhaft, weich und geschwollen mit leicht gespannter Kapsel und verstrichener Kontur.

Die Urinuntersuchung ergibt reichlich Blut-, Entzündungs- und Schleimhautzellen (Erythrozyten, Leukozyten, Epithelien) sowie Schleim, Zelltrümmer und Bakterien. Hierzu verwendet man in der Regel den Mittelstrahlurin (MSU). Bei der Dreigläserprobebefänden sich massenhaft Bakterien in der ersten und dritten Harnportion, bei der Viergläserprobe auch im Prostatasekret. Beide beinhalten jedoch eine Prostatamassage, die im akuten Stadium kontraindiziert (nicht angezeigt) ist (zu diesen Proben s. auch Urinuntersuchungen). Mittels Kulturen werden gegebenenfalls die Art der Bakterien und ihre Widerstandsfähigkeit (Resistenz) gegen Antibiotika (Antibiogramm) genau bestimmt.

Die Blutuntersuchung zeigt einen Anstieg der weißen Blutkörperchen (Leukozytose) und des Entzündungseiweißes (CRP). Auch der PSA-Wert steigt etwas an. Er normalisiert sich nach Abklingen der Prostatitis nur langsam. Wenn eine Bestimmung geplant ist, sollte sie deshalb frühestens drei Monate danach erfolgen (s. auch PSA-Bestimmung).

Der transrektale Ultraschall (TRUS) kann zum Ausschluss einer eitrigen Einschmelzung in der Vorsteherdrüse (Prostataabszess) eingesetzt werden. Weitere Untersuchungen sind im akuten Stadium nur selten erforderlich, eventuell in Bezug auf die auslösende Entzündung.

Behandlung

Als wichtigste Maßnahme gilt die sofortige, hoch dosierte Gabe eines Antibiotikums. Das Medikament ist gegebenenfalls nach Eintreffen des Antibiogramms zu wechseln und sollte über die Normalisierung von Temperatur und Laborwerten hinaus für 2-4 Wochen gegeben werden. Gegen die Beschwerden kommen entzündungshemmende und krampflösende Medikamente sowie Schmerz- und Abführmittel in Betracht.

Wenn der Harnabfluss aus der Blase von der Prostataschwellung behindert wird, kann vorübergehend eine Harnableitung mittels Katheter erforderlich werden. Um die Entzündung nicht zu begünstigen, am besten durch die Bauchdecke (suprapubischer Katheter). Mögliche weitere Maßnahmen richten sich gegen die auslösende Entzündung oder Komplikationen (s.u.).

Verlauf und Komplikationen

Unter der Behandlung klingen die Beschwerden meist rasch ab. Nur selten kommt es zu einer eitrigen Einschmelzung in der Vorsteherdrüse, zu einem Prostataabszess, der sofort behandelt werden muss. Ebenfalls rar ist eine weitere Ausbreitung der Entzündung, zum Beispiel auf Nachbarorgane, auf die Nebenhoden (Epididymitis, absteigend über die Samenwege) oder auf dem Blutweg („Blutvergiftung“, Urosepsis).

Häufiger jedoch geht die akute in eine chronische bakterielle Prostatitis über, vor allem bei unzureichender Behandlung (s. nächster Abschnitt). Deshalb ist es wichtig, die Medikamente, besonders das Antibiotikum konsequent nach Anweisung des Arztes einzunehmen und alles zu vermeiden, was ein Wiederaufflammen der Entzündung begünstigt (z.B. Auskühlung im Beckenbereich, starke Belastung des Beckenbodens).

Quellen (u.a.)

  • Grabe, M., et al.: Guidelines on Urological Infections. European Association of Urology (EAU), 3/2013. Neueste Version verfügbar auf der EAU-Website über die Seite der nicht-onkologischen Leitlinien als PDF (englisch)
  • Hautmann, R., H. Huland (Hrsg.): Urologie. 3. Auflage, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 978-3-540-29923-3
  • Sökeland, J., et al.: Taschenlehrbuch Urologie. 14. Auflage, Thieme, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-13-300614-9
  • Wagenlehner, F. M. E., et al.: Prostatitis und männliches Beckenschmerzsyndrom. Diagnostik und Therapie. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(11): 175–83. DOI 10.3238/arztebl.2009.0175 (englisch, dort in der rechten Spalte Link auf die deutsche Version, Volltext auch als PDF verfügbar)

Chronische bakterielle Prostatitis

Wie die akute, so wird auch diese chronische Entzündung der Prostata von Bakterien verursacht. Sie führt aber zu milderen und unbestimmteren Beschwerden und betrifft meist Männer in mittleren Jahren.

Von einer chronischen bakteriellen Prostatitis spricht man, wenn eine Infektion nachgewiesen ist (oder stark vermutet wird) und Krankheitszeichen über mindestens 3 Monate vorhanden sind. Sie erfordert wie die akute Form eine mehrwöchige Behandlung mit Antibiotika.

Bei Abwehrschwäche (z.B. durch eine HIV-Infektion oder Chemotherapie) kann auch eine chronische Prostatitis auftreten, die nicht von Bakterien, sondern von anderen Krankheitskeimen (z.B. Pilzen) verursacht wird. Diese Form ist nachfolgend nicht berücksichtigt.

Ursache und Entstehung

Die chronische Prostataentzündung kann von verschiedenen Bakterien verursacht werden. Sie gelangen oft über die Harnröhre, aber auch über die Samenwege, Blutgefäße oder Lymphgefäße in die Prostata (Näheres hierzu s. akute bakterielle Prostatitis).

Die Erkrankung entwickelt sich von Anfang an als chronische Entzündung oder entsteht aus einer nicht ausgeheilten akuten bakteriellen Prostatitis.

Krankheitszeichen

Anders als bei der akuten Form sind die Beschwerden hier in der Regel geringer und vor allem unbestimmter. Schmerzen oder Missempfindungen werden oft im Bereich von Prostata, Damm, Hodensack und Hoden lokalisiert, selten am Penis, an der Harnblase oder im unteren Rücken (im „Kreuz“) und nur gelegentlich an anderen Stellen (z.B. im Analbereich, in den Leisten). Beschwerden des unteren Harntrakts (LUTS) bestehen meist in häufigem Wasserlassen (Pollakisurie), erschwertem Wasserlassen (Dysurie), Harnstrahlabschwächung und schmerzhaftem Wasserlassen (Algurie, evtl. beim Wasserlassen zunehmend). Daneben können sich Veränderungen der Sexualfunktion finden, zum Beispiel eine Verfärbung des Spermasoder eine erektile Dysfunktion (Störung der Gliedversteifung).

Untersuchung und Abgrenzung

Beim Erheben der Krankengeschichte (Anamnese) können frühere Entzündungen von Prostata (akute bakterielle Prostatitis), Harnröhre (Urethritis) oder Nebenhoden (Epididymitis) auf eine chronische bakterielle Prostatitis hinweisen. Die Beschwerden lassen sich auch mittels Fragebogen erfassen (z.B. mit dem CPSI, engl. chronic prostatitis symptom index). Sie sind nicht von den Beschwerden beim chronischen Beckenschmerzsyndrom zu unterscheiden (s. nächster Abschnitt).

Bei der digitalen rektalen Untersuchung (DRU, Abtasten mit dem Finger vom Mastdarm aus) ist die Prostata normal oder druckempfindlich. Die Urinuntersuchung ergibt Anzeichen für die Entzündung. Außerdem finden sich bei der DreigläserprobeBakterien in der ersten und dritten Harnportion, bei der Viergläserprobe auch im Prostatasekret. In Kulturen werden die Art der Bakterien und ihre Widerstandsfähigkeit (Resistenz) gegen Antibiotika (Antibiogramm) getestet.

Bei Beschwerden des unteren Harntrakts lässt sich das Ausmaß der Harnabflussstörung aus der Blase zum Beispiel mit einer Harnflussmessung (Uroflowmetrie) bestimmen. Im transrektalen Ultraschall (TRUS) können Veränderungen zu erkennen sein, die auf die chronische Entzündung hinweisen (z.B. Verkalkungen). Im Sperma finden sich Entzündungszeichen und eventuell Bakterien, eine Untersuchung des Spermas nur zur Keimbestimmung ist jedoch nicht nötig. Eine mögliche Probeentnahme (Prostatabiopsie) sollte nicht transrektal (durch den Mastdarm) durchgeführt werden.

Von der chronischen bakteriellen Prostatitis sind zahlreiche andere Erkrankungen abzugrenzen, beispielsweise der Prostata und im Analbereich (s. hierzu auch chronisches Beckenschmerzsyndrom im nächsten Abschnitt). Dafür können weitere Untersuchungen erforderlich sein.

Behandlung

Nach dem Antibiogramm wird ein Antibiotikum ausgewählt und über 4-6 Wochen gegeben, manchmal auch länger. Letzteres gilt vor allem dann, wenn die Entzündung nach anfänglicher erfolgreicher Behandlung wieder auftritt. Gegen die Beschwerden werden schmerzstillende, krampflösende, entzündungshemmende, beruhigende und durchblutungsfördernde Medikamente eingesetzt. Chirurgische Eingriffe an der Prostata sollten vermieden werden.

Verlauf und Komplikationen

Die chronische bakterielle Prostatitis ist häufigste Ursache von rezidivierenden (wiederkehrenden) Harnweginfektionen bei Männern. Sie kann immer wieder aufflammen, und die Behandlung wird immer langwieriger. Deshalb sind eine sorgfältige Untersuchung und eine konsequente, unter Umständen länger dauernde Behandlung besonders wichtig, schon bei der ersten Entzündung. Ebenso sollte man Faktoren vermeiden, die die Prostatitis begünstigen (z.B. Auskühlung im Beckenbereich, starke Belastung des Beckenbodens).

Quellen (u.a.)

  • Grabe, M., et al.: Guidelines on Urological Infections. European Association of Urology (EAU), 3/2013. Neueste Version verfügbar auf der EAU-Website über die Seite der nicht-onkologischen Leitlinien als PDF (englisch)
  • Hautmann, R., H. Huland (Hrsg.): Urologie. 3. Auflage, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 978-3-540-29923-3
  • Sökeland, J., et al.: Taschenlehrbuch Urologie. 14. Auflage, Thieme, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-13-300614-9
  • Wagenlehner, F. M. E., et al.: Prostatitis und männliches Beckenschmerzsyndrom. Diagnostik und Therapie. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(11): 175–83. DOI 10.3238/arztebl.2009.0175 (englisch, dort in der rechten Spalte Link auf die deutsche Version, Volltext auch als PDF verfügbar)

Chronisches Beckenschmerzsyndrom

Kennzeichen sind Schmerzen im Bereich des Beckens aus unklaren Gründen. Lassen sie sich der Prostata zuordnen, spricht man vom Prostataschmerzsyndrom. Die Beschwerden gleichen denen bei chronischer bakterieller Prostatitis.

Unter chronischem Beckenschmerz versteht man dauerhafte oder wiederkehrende Schmerzen (bei Mann oder Frau), die im Bereich des Beckens empfunden werden. Sie sind oft mit negativen Auswirkungen, beispielsweise auf die Psyche verbunden, ebenso mit anderen Symptomen wie Beschwerden beim Wasserlassen oder Störungen der Sexualfunktion.

Findet sich eine klassische Krankheit als Ursache (z.B. Infektion, Krebs), spricht man von einem krankheitsspezifischen Beckenschmerz. Hier steht die Behandlung der Grundkrankheit an erster Stelle (siehe z.B. chronische bakterielle ProstatitisProstatakarzinom). Sind hingegen keine krankhaften Veränderungen erkennbar, verwendet man die Bezeichnung chronisches Beckenschmerzsyndrom (CBSS, engl. chronic pelvic pain syndrome, CPPS). Nur das CBSS ist Gegenstand dieses Artikels.

Beim CBSS kann der Schmerz in einem einzelnen Organ oder Bereich empfunden werden (z.B. Harnblase, Prostata, Hoden, Damm), oder aber an mehreren Stellen, und es kann sogar mit allgemeinen Krankheitszeichen einhergehen (z.B. Erschöpfung). Ist ein Organ besonders betroffen, werden meist konkretere Bezeichnungen verwendet, zum Beispiel Blasen-, Beckenboden-, Hoden- oder Prostataschmerzsyndrom.

Definition und Häufigkeit des Prostataschmerzsyndroms

Als Prostataschmerzsyndrom (PSS, engl. prostate pain syndrome, PPS) bezeichnet man dauerhafte oder wiederkehrende Schmerzen im Bereich der Prostata über mindestens 3 Monate innerhalb der letzten 6 Monate, die sich durch Abtasten der Prostata auslösen lassen. Zudem darf es sich nicht um einen Krankheits-spezifischen Beckenschmerz handeln, es dürfen also keine Infektion und keine krankhaften Veränderungen in der Prostata oder deren Umgebung vorliegen.

Bei der Untersuchung finden sich keine Bakterien als Auslöser, jedoch manchmal Entzündungszellen im Prostatasekret oder im Sperma (s.u. bei Untersuchung). Deshalb wurden hier früher zwei Krankheitsbilder (mit zahlreichen Bezeichnungen) unterschieden: Die chronische abakterielle Prostatitis (Kongestionsprostatitis; Entzündungszellen vorhanden) und die Prostatodynie (Prostatopathie, nicht entzündliches Schmerzsyndrom des Beckens, Prostatakongestion, Prostatose, Beckenbodenmyalgie, vegetatives Urogenitalsyndrom = VUG; keine Entzündungszellen vorhanden). Da sich Untersuchung und Behandlung nicht unterscheiden, werden beide zum PSS zusammengefasst.

Zur Häufigkeit des PSS gibt es nur wenig Daten. Es macht etwa 70% aller Fälle von Prostatitis und 90% aller Fälle von chronischer Prostatitis aus. Betroffen sind 2-5% aller Männer. Etwa jeder siebte Mann erkrankt daran irgendwann im Laufe seines Lebens, wobei das Risiko mit dem Alter steigt.

Ursache und Entstehung des Prostataschmerzsyndroms

Die Ursache des PSS ist unklar. Möglicherweise entsteht es bei besonders anfälligen Männern, die einem oder – wahrscheinlicher – mehreren auslösenden Faktoren einmalig, wiederholt oder dauerhaft ausgesetzt sind. Was genau ein PSS auslösen kann, ist noch nicht völlig geklärt. Bisher wurden mehrere Faktoren vorgeschlagen, beispielsweise Infektionen, spezielle Erbanlagen, Veränderungen von Nerven und Muskeln, Erkrankungen des Immunsystems (körpereigene Abwehr) sowie psychische Mechanismen.

Diese Faktoren führen vermutlich zu einer Entzündungsreaktion und/oder einer Nervenschädigung, was den chronischen Schmerz verursacht. Letzterer verändert dann die Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen im Gehirn. Hierfür spricht, dass PPS-Betroffene am Damm empfindlicher sind als Gesunde. Dieser Mechanismus wirkt sich auf das psychische Befinden, Denken, Verhalten und Sexualleben aus und ist von anderen Schmerzerkrankungen her bekannt.

Krankheitszeichen beim Prostataschmerzsyndrom

Beim PSS werden die Schmerzen oft auch außerhalb der Prostata im Bereich des Beckens empfunden, zum Beispiel am Damm, im Rektum (Mastdarm), im Penis, in den Hoden oder im Unterbauch. Zusätzlich bestehen häufig Symptome am unteren Harntrakt (LUTS; an Harnblase oder Harnröhre, v.a. beim Wasserlassen) sowie Störungen der Sexualfunktion:

Die Liste möglicher Beschwerden ist lang und gleicht der bei chronischer bakterieller Prostatitis: Spannung oder Druck in der Dammgegend oder am After, Ziehen in den Leisten mit Ausstrahlung in die Hoden, Druck, Kälte oder Brennen hinter dem Schambein, Spannung im Kreuzbeinbereich, Stuhlunregelmäßigkeiten, Stuhldrang, Harndrang, erschwertes Wasserlassen, Brennen am Ende der Harnröhre, Nachträufeln von Harn, Restharngefühl, verminderte Libido („Lust“), Erektionsstörungen (erektile Dysfunktion), vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox) und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.

Psychische Symptome wie Ängste und Depressionen sind ebenfalls oft vorhanden. Sie beeinflussen die genannten Beschwerden und können die Lebensqualität in besonderem Maße beeinträchtigen.

Abgrenzung des Prostataschmerzsyndroms und Untersuchungen

Das PSS ist eine Diagnose, die gestellt wird, wenn bestimmte Schmerzen im Bereich der Prostata vorhanden sind und krankhafte Veränderungen in der Prostata und ihrer Umgebung fehlen (Genaueres s.o. bei Definition). Dies bedeutet, dass Krankheits-spezifische Beckenschmerzen (z.B. durch Infektionen, Krebs und Erkrankungen des unteren Harntrakts wie eine gutartige Prostatavergrößerung = BPS) ausgeschlossen werden müssen. Lässt sich der Schmerz nicht klar der Prostata zuordnen, sollte die Erkrankung nicht als PSS, sondern allgemeiner als chronisches Beckenschmerzsyndrom (CBSS, s.o.) bezeichnet und behandelt werden.

Grundlage der Diagnostik ist das sorgfältige Erheben der Anamnese (Krankengeschichte). Die Schwere des PSS, sein mögliches Fortschreiten, das Ansprechen auf die Behandlung und die Auswirkungen auf die Lebensqualität lassen sich nur mittels standardisierter Fragebogen genau erfassen (z.B. mit dem CPSI, engl. chronic prostatitis symptom index, und dem IPSS, internationaler Prostata-Symptomen-Score).

Einen speziellen Test für das PSS gibt es nicht. Deshalb dienen die Untersuchungen dazu, einerseits krankhafte Veränderungen nachzuweisen oder auszuschließen, die chronische Beckenschmerzen verursachen können, und andererseits Befunde zu erheben, die das PSS im konkreten Fall charakterisieren:

So soll zunächst eine körperliche Untersuchung erfolgen, einschließlich Abtasten der Prostata (digitale rektale Untersuchung, DRU) und eventuell der Beckenbodenmuskulatur. Dann sollte durch Messung des Restharns mittels Ultraschall (Sonographie) eine unvollständige Blasenentleerung ausgeschlossen werden (Hinweis auf eine Prostatavergrößerung, s. BPS). Die Bestimmung des PSA-Werts und der transrektale Ultraschall (TRUS) können dazu beitragen, Prostatakrebsauszuschließen.

Wichtig sind Urinuntersuchungen: Bei der klassischen Viergläserprobe oder in Urinproben, die vor und nach Prostatamassage gewonnen werden, finden sich im Prostatasekret und in den Proben nach Prostatamassage keine Krankheitserreger in nennenswerter Menge und in der Regel keine Entzündungszeichen. Letzteres gilt auch für das Sperma. Bei Beschwerden am unteren Harntrakt (v.a. beim Wasserlassen, s. LUTS) sollte eine Harnflussmessung (Uroflowmetrie) in Betracht gezogen werden.

Im Einzelfall können weitere Untersuchungen erforderlich sein, zum Beispiel Harnröhrenabstrich, Spiegelung von Harnröhre und Harnblase (Urethrozystoskopie), Röntgendarstellung des Harntrakts mit Kontrastmittel, Probeentnahme (Biopsie) aus der Prostata, proktologische Untersuchung (auf Mastdarmerkrankungen, z.B. Hämorrhoiden).

Behandlung

Da bei der Entstehung des Prostataschmerzsyndroms (PSS) zahlreiche Faktoren eine Rolle spielen können (s.o.), sind auch die Behandlungsmöglichkeiten entsprechend vielfältig. Die Therapie besteht meist aus einer Kombination verschiedener Methoden, die für jeden Patienten individuell zusammengestellt wird, unter Berücksichtigung möglicher Begleiterkrankungen. Infrage kommen im Wesentlichen Medikamente sowie physikalische und psychotherapeutische Verfahren, beispielsweise:

  • Alpha-Blocker: Bei einer Dauer des PSS von weniger als 1 Jahr
  • Antibiotika: Für mindestens 6 Wochen bei bisher unbehandelten Patienten mit einer PSS-Dauer von weniger als 1 Jahr
  • Entzündungshemmer: Nicht-steroidale Antirheumatika (engl. nonsteroidal anti-inflammatory drugs, NSAID; keine Kortikosteroide wie Cortison)
  • Phytopharmaka: Pflanzliche Medikamente wie Pollen-Extrakt, Quercetin
  • Pentosan-Polysulfat (pflanzlicher Schleimstoff)
  • Perineale extrakorporale Stoßwellen-Therapie: Behandlung mit Stoßwellen, die von außerhalb des Körpers auf den Damm einwirken
  • Elektroakupunktur
  • Nervenstimulation
  • Verhaltenstherapie
     

Operative Verfahren wie die TUIP (Einschneiden von Blasenhals und Prostata), TUR-P („Abhobeln“ der Prostata), TUNA (Nadel-Ablation der Prostata) oder RPE (radikale Prostatektomie) werden zur Behandlung des PSS nicht empfohlen.

Bei chronischem Beckenschmerzsyndrom (CBSS) werden weitere Medikamente (z.B. Schmerzmittel, Psychopharmaka) und viele andere physikalische und psychotherapeutische Verfahren verwendet. Auch hier wird die Therapie individuell zusammengestellt.

Quellen (u.a.)

  • Engeler, D., et al.: Guidelines on Chronic Pelvic Pain. European Association of Urology (EAU), 2/2012. Neueste Version verfügbar auf der EAU-Website über die Seite der nicht-onkologischen Leitlinien als PDF (englisch)
  • Engeler, D. S., et al.: The 2013 EAU guidelines on chronic pelvic pain: Is management of chronic pelvic pain a habit, a philosophy, or a science? 10 years of development. Eur Urol 2013; 63: 431-439, DOI 10.1016/j.eururo.2013.04.035
  • Fall, M., et al.: EAU Guidelines on Chronic Pelvic Pain. Eur Urol 2010; 57 35-48, DOI 10.1016/j.eururo.2009.08.020
  • Hautmann, R., H. Huland (Hrsg.): Urologie. 3. Auflage, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 978-3-540-29923-3
  • Moormann, O.: Schmerztherapeutische Optionen beim urologischen chronischen Beckenbodenschmerzsyndrom (UCPPS). Urologe 2009; 48: 1189-1192, DOI 10.1007/s00120-009-2113-2
  • Sökeland, J., et al.: Taschenlehrbuch Urologie. 14. Auflage, Thieme, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-13-300614-9
  • Wagenlehner, F. M. E., et al.: Prostatitis und männliches Beckenschmerzsyndrom. Diagnostik und Therapie. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(11): 175–83. DOI 10.3238/arztebl.2009.0175 (englisch, dort in der rechten Spalte Link auf die deutsche Version, Volltext auch als PDF verfügbar)
  • Wagenlehner, F. M. E., et al.: Prostatitissyndrom. Pragmatische Diagnose und Therapie. Zertifizierte Fortbildung, Urologe 2007; 46: 185-198, DOI 10.1007/s00120-006-1275-4