Radikale Prostatektomie bei Prostatakarzinom

Die Entfernung der Prostata kommt insbesondere bei lokal begrenztem Prostatakrebs ohne klinisch erkennbare Metastasen in Betracht. Es gibt verschiedene Operationstechniken, auch mit Schonung der Erektionsnerven.

Die radikale Prostatektomie (RPE, komplettes Entfernen der Prostata) ist eine Behandlung mit kurativer (heilender) Absicht. Denn sie hat zum Ziel, den Tumor vollständig im Gesunden zu entfernen. Sie sollte deshalb vor allem bei Tumoren eingesetzt werden, die sich sehr wahrscheinlich restlos entfernen lassen, also mit tumorfreien Schnitträndern. Weitere Ziele sind, die Harnkontinenz und – bei geeigneten Patienten – die Erektionsfähigkeit zu erhalten.

Bei der Entscheidung für oder gegen die RPE helfen PSA-Wert, Gleason-Score, gezielte Biopsien sowie spezielle Tabellen (Nomogramme). Wichtig ist auch zu wissen, dass das klinische, also mittels Untersuchungen festgestellte TNM-Stadium (s. Wachstum und Ausbreitung, z.B. cT2b cN0 M0) sowohl über- als auch unterschätzt sein kann. Das pathologische Stadium (z.B. pT2b pN0 M0) lässt sich nur durch die Untersuchung des bei einer Operation entfernten Gewebes bestimmen. Zunächst zu den Einsatzgebieten der RPE:

Operation bei lokal begrenztem Prostatakrebs

Die RPE ist eine Möglichkeit zur primären Behandlung des klinisch (d.h. mittels Untersuchungen festgestellten) lokal begrenzten Prostatakarzinoms bei Patienten aller Risikogruppen (zu diesen Gruppen s. Behandlungsplanung). Dabei soll die Prostata vollständig entfernt werden unter Erhalt von Harnkontinenz und erektiler Funktion. Das Ziel sind tumorfreie Schnittränder, weil dies die Heilungschancen erhöht, sofern sich noch keine bösartigen Zellen abgesiedelt haben, sofern also keine Mikrometastasen vorhanden sind.

Bei der RPE konnte bislang als einzigem Verfahren die Effektivität im Vergleich zum abwartenden Beobachten (engl. watchful waiting) nachgewiesen werden: Bei Patienten ohne Metastasen (T1b-T2 N0 M0), mit einem PSA-Wert von weniger als 50ng/ml und mit einer Lebenserwartung von mindestens 10 Jahren senkt sie die Häufigkeit des Fortschreitens der Erkrankung und die Sterblichkeit an Prostatakrebs deutlich. Hierüber soll der Patient aufgeklärt werden.

Operation bei lokal fortgeschrittenem Prostatakrebs

Die RPE ist eine Möglichkeit zur primären Behandlung des klinisch lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinoms (T3-4 N0 M0). Patienten mit einem solchen Tumor sollen zuvor über die Vor- und Nachteile aufgeklärt werden, und zwar sowohl die einer RPE mit Lymphadenektomie als auch die einer Strahlentherapie (ggf. mit einer zusätzlichen, zeitlich befristeten Hormontherapie). Patienten mit einem T3-Tumor und dem Wunsch nach einer RPE sollen darüber aufgeklärt werden, dass das Risiko für positive (tumorbefallene) Schnittränder, für ein Fortschreiten der Erkrankung und für deshalb notwendige Maßnahmen (z.B. Hormontherapie, Strahlentherapie) höher sind als bei einem lokal begrenzten Tumor.

Operation bei Lymphknotenbefall

Grundsätzlich sollten bei einem erhöhten Risiko für einen Befall immer Lymphknoten entfernt werden zur histologischen (feingeweblichen) Untersuchung. Nur falls dies nicht möglich ist, sollte man das Risiko anhand der Befunde oder mit Nomogrammen abschätzen. Bei einem histologisch gesicherten Lymphknotenbefall stehen für die lokale Behandlung die RPE und die Strahlentherapie zur Verfügung, für die systemische (allgemeine) Behandlung die Hormontherapie. Ein verlässlicher Vergleich der Verfahren, entweder alleine oder in Kombination, ist aufgrund der derzeitigen Datenlage nicht möglich. Die Entscheidung ist daher individuell zu treffen (s. auch unten bei Lymphadenektomie). Ein bereits klinisch erkennbarer Lymphknotenbefall (cN1) erweist sich bei histologischer Untersuchung meist als ausgeprägt, so dass eine RPE in der Regel ausscheidet.

Zugangswege bei der Operation

Die Prostata liegt tief im kleinen Becken, unterhalb der Harnblase und oberhalb des Beckenbodens (s. auch Anatomie der Prostata). Sie ist operativ auf zwei Wegen erreichbar: Entweder von unten, über einen Hautschnitt am Damm (Perineum, deshalb perineale RPE, PRPE genannt) oder von oben, vom Bauch aus. Im zweiten Fall gibt es wiederum verschiedene Möglichkeiten:

Über einen senkrechten Hautschnitt am Unterbauch oberhalb des Schambeins (Os pubis) und dann ohne Eröffnung des Bauchfells vor der Harnblase und hinter dem Schambein (retropubisch, deshalb offene RPE oder retropubische RPE, RRPE genannt). Oder durch mehrere kleine Hautschnitte am Unterbauch (meist 5), über die ein Endoskop und andere Instrumente eingeführt werden („Schlüssellochchirurgie“, minimal invasive Operation), entweder durch den Bauchraum (laparoskopische RPE, LRPE) oder außerhalb des Bauchfells (Peritoneum, deshalb endoskopische extraperitoneale RPE, EERPE genannt). Beide endoskopischen Verfahren sind auch mit Unterstützung durch Roboter möglich.

Die offen durchgeführte retropubische radikale Prostatektomie (RRPE) ist die am besten untersuchte Technik, an der sich alle anderen Verfahren messen müssen. Jedes hat seine eigenen Vorteile und möglichen Nachteile, so dass die Auswahl individuell getroffen werden muss. In geübter Hand scheinen alle insgesamt gleich gut zu sein. Jedoch gibt es bisher kaum vergleichende Studien und für die neueren, vor allem die endoskopischen und roboterassistierten Verfahren noch keine Langzeitergebnisse (mehr zu den Zugangswegen und Robotersystemen siehe Minimal invasive radikale Prostatektomie bei Prostatakarzinom und „Roboter-Operation“ bei Prostatakrebs).

Ablauf der Operation

Bei einer typischen retropubischen RPE (RRPE) werden in Vollnarkose oder „Rückenmarksnarkose“ nach dem Hautschnitt am Unterbauch zunächst Lymphknoten aus der Nähe der Prostata entnommen und sofort histologisch (feingeweblich) auf einen Krebsbefall untersucht (Schnellschnittuntersuchung). Dann durchtrennt man die Harnröhre zwischen Prostataspitze (Apex) und Beckenboden, legt die Prostata ringsum frei (ggf. unter Schonung der Gefäß-Nerven-Bündel. s. Nervenschonung), durchtrennt die beiden Samenleiter, löst die beiden Samenblasen aus ihrem Bett und schneidet schließlich die letzte Verbindung oberhalb der Prostata am Blasenhals durch.

Damit wird also ein Block aus Prostata samt der darin befindlichen Harnröhre, innerem Schließmuskel, Samenblasen und Samenleiter-Endstücken entfernt. Anschließend vernäht man die Harnröhre über einem eingelegten Dauerkatheter mit dem Blasenhals, entfernt gegebenenfalls weitere Lymphknoten (s.u. Lymphadenektomie), legt Wunddrainagen ein und verschließt den Hautschnitt.

Die Vorgehensweise bei den anderen Techniken unterscheidet sich hiervon etwas. Das entnommene Gewebe wird aber in jedem Fall histologisch untersucht, woraus sich die postoperative Tumorklassifikation (Typ und Malignität, z.B. Gleason-Score, s. Klassifikation) und das pathologische TNM-Stadium (s. Wachstum und Ausbreitung) ergeben. Letzterem wird bei tumorfreien Schnitträndern ein R0 (Rand Null) hinzugefügt, ansonsten ein R1, R2 oder R+, was eine unvollständige Tumorentfernung bedeutet.

Die RPE dauert etwa 2, mit Lymphadenektomie etwa 3 Stunden. Im Aufwachraum werden dann schon Infusionen zur Deckung des Flüssigkeitsbedarfs und Schmerzmittel gegeben. Manchmal verbringt man die erste Nacht unter Beobachtung auf der Intensivstation, häufig ist aber eine Verlegung auf die Normalstation noch am selben Tag möglich. Trinken ist zumeist bereits am OP-Tag erlaubt, ein langsamer Kostaufbau erfolgt, wenn der Darm wieder arbeitet. Am Tag nach der Operation können Sie in der Regel mit Hilfe des Pflegepersonals aufstehen.

Die Wunddrainagen werden nach 3-5 Tagen entfernt, frühestens dann ist eine Entlassung möglich (nach offener Operation in der Regel nach 7-12, sonst nach 5-8 Tagen). Die Anastomose (neue Verbindung) der Harnröhre kann nach 5-10 Tagen mittels Röntgenkontrastdarstellung oder TRUS (transrektaler Ultraschall) überprüft werden. Ist sie dicht, kann der Dauerkatheter entfernt werden. In den ersten Tagen danach fließt der Urin eventuell noch unkontrolliert ab. Eine Schonung ohne körperliche Anstrengung bis etwa sechs Wochen nach der Operation unterstützt die Heilung und hilft, Spätkomplikationen zu vermeiden (s. auch Rehabilitation).

Normalerweise sinkt der PSA-Wert in den ersten Wochen nach der Operation in den (für jedes Messverfahren gesondert) definierten Nullbereich. Ist das nicht der Fall, spricht dies für verbliebene Tumorreste oder Metastasen, so dass eine weitere Behandlung ratsam sein kann (s.u. Rezidivtherapie). Letzteres gilt auch für einen späteren PSA-Anstieg nach einem anfänglichen Abfall in den Nullbereich (s.u. Rezidivtherapie).

Nervenschonung

Unmittelbar an der Prostatakapsel entlang und größtenteils in zwei hinten-seitlich liegenden Bündeln zusammengefasst ziehen Blutgefäße und Nerven zur Prostata und teilweise auch zum Penis. Darunter sind Nervenfasern (Nervi erigentes), die für die Erektion (Gliedversteifung, Potenz) sorgen.

Die nervenschonende Operationstechnik bei der RPE wird nach ihrem Erstbeschreiber auch Walsh-Methode genannt. Sie hat zum Ziel, diese beiden Gefäß-Nerven-Bündel zu erhalten, oder auch nur das auf der nicht betroffenen Seite, um eine spätere Störung der Erektion zu vermeiden (erektile Dysfunktion, s.u. Komplikationen). Allerdings lassen sich die Bündel nur schwer von der Prostata trennen, und es ist bekannt, dass sich das Prostatakarzinom bevorzugt entlang der die Kapsel durchbrechenden Gefäße und Nerven ausbreitet, auch aus der Prostata hinaus.

Der Patient sollte über die Möglichkeit einer nervenschonenden RPE aufgeklärt werden. Anhand der Befunde (z.B. Lage des Tumors, PSA-Wert, Gleason-Score) ist abzuwägen, welches Risiko für positive Schnittränder (also für eine unvollständige Tumorentfernung) die ein- oder beidseitige Nervenschonung im konkreten Fall birgt. Bei hohem Risiko sollte gegebenfalls von der Nervenschonung abgeraten werden. Der Patient sollte jedoch selbst entscheiden, welches Risiko er für eine nervenschonende Operation übernehmen will (zu diesem Thema s. auch Nervenschonung bei radikaler Prostatektomie).

Lymphadenektomie

Die Lymphadenektomie (Lymphknotenentfernung) ist die beste Methode, um einen Befall zu erkennen, birgt jedoch zusätzliche Risiken. Vor einer RPE ist zu klären, ob und in welchem Ausmaß (begrenzt, standardmäßig oder erweitert) sie erfolgen soll.

Patienten mit einem lokal begrenzten Prostatakarzinom sollen über das Risiko einer Lymphknotenmetastasierung und über die Vor- und Nachteile einer Lymphadenektomie aufgeklärt werden. Bei einem Tumor mit einem niedrigen Risiko für ein Fortschreiten (cT1c und PSA weniger als 10ng/ml und Gleason-Score bis 6) kann auf die Lymphadenektomie verzichtet werden. Wird sie durchgeführt, sollten mindestens 10 Lymphknoten entfernt werden. Je ausgedehnter sie erfolgt, desto wahrscheinlicher ist ein Befall nachzuweisen, so dass sich damit die Prognose besser abschätzen und gegebenenfalls eine unterstützende Behandlung (s.u. adjuvante Therapie) früh einleiten lassen. Dass eine erweiterte Lymphadenektomie ohne adjuvante Therapie einen Überlebensvorteil für Patienten mit oder ohne Lymphknotenbefall bietet, ist nicht bewiesen. Es gibt jedoch Hinweise auf eine Verlängerung des Überlebens ohne ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung.

Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinom haben ein höheres Risiko für Lymphknotenmetastasen als Patienten mit einem lokal begrenzten Tumor. Es gibt bislang keinen Beleg dafür, dass sich bei ihnen eine Lymphadenektomie positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt. So scheint sie nur dann eine Chance auf Heilung zu bieten, wenn höchstens ein Lymphknoten befallen ist. Sie bildet aber die Grundlage für die Entscheidung über eine adjuvante Therapie (s.u.). Vor der RPE sollte Patienten mit einem cT3-Tumor eine erweiterte Lymphadenektomie empfohlen werden.

Eine Lymphadenektomie ist bei allen RPE-Verfahren möglich. Bei der perinealen RPE erfordert sie jedoch einen zweiten Zugang oder wird vorher in einem gesonderten Eingriff endoskopisch durchgeführt.

Sentinel-Lymphadenektomie: Hierbei spritzt man am Tag vor der RPE einen radioaktiv markierten Stoff in die Prostata, der in die Lymphknoten abtransportiert wird. So lassen sich während der Operation die so genannten Wächterlymphknoten (Sentinel-Lymphknoten, engl. sentinel lymph node, SLN) mit Hilfe eines Messgeräts (Gammasonde) aufspüren und entfernen, also jene, die der Tumor meist zuerst befällt, die aber bei jedem Menschen woanders liegen. Ob danach eine erweiterte Lymphadenektomie durchgeführt wird, hängt vom Risiko für einen Befall und/oder vom Ergebnis der Schnellschnittuntersuchung ab. Erweisen sich die Sentinel-Lymphknoten als tumorfrei, sind Metastasen in anderen Lymphknoten sehr unwahrscheinlich. Nach vorheriger Prostataoperation oder Hormontherapie sowie bei ausgedehntem Krebsbefall kann das Verfahren versagen und ist bei der roboterassistierten RPE derzeit nicht möglich.

Komplikationen der Operation

Wie bei jeder großen Operation kann es bei der RPE zu Komplikationen kommen. Die Operationsmethode beeinflusst deren Art und Häufigkeit nur wenig, eine lange Erfahrung des Operateurs und immer feinere Techniken lassen sie dagegen seltener werden. Deshalb soll die RPE auch nur unter Leitung eines erfahrenen Operateurs durchgeführt werden. Perioperative (während und direkt nach der Operation auftretende) Komplikationen können schwer sein, was aber selten der Fall ist. Dies gilt auch für die Spätkomplikationen, die zumeist die neue Verbindung (Anastomose) der Harnröhre (Undichtigkeit oder Verengung durch Narben) oder die Lymphgefäße betreffen (z.B. nach Lymphknotenentfernung Bildung einer Lymphozele = örtliche Ansammlung von Gewebeflüssigkeit). Ausnahmen hiervon sind:

Harninkontinenz: Nach der RPE muss der äußere Schließmuskel den unfreiwilligen Urinverlust in der Regel alleine verhindern. Ist dieser geschädigt oder überlastet, folgt eine Belastungsinkontinenz, was den Abgang von Urin bei einer mehr oder weniger großen Belastung (z.B. durch Husten, Lachen, Sport) bedeutet. Dies betrifft etwa jeden zehnten Patienten ein Jahr nach RPE (die Zahlen reichen von 3% bis 49%, je nach Strenge der Kriterien und der subjektiven oder objektiven Beurteilung). Das Belassen der Spitzen der Samenblasen und die Nervenschonung (s.o.) können die Kontinenzrate verbessern. Eine mögliche Harninkontinenz lässt sich mit zahlreichen Methoden behandeln (z.B. Beckenbodentraining, Medikamente, Vorlagen, Operation), die Einpflanzung eines künstlichen Schließmuskels ist nur in 1% der Fälle nötig (mehr zum Thema siehe Rehabilitation und Harninkontinenz).

Erektile Dysfunktion: Die Erektion (Gliedversteifung) ist nach einer RPE bei fast allen Männern gestört. Sie erholt sich jedoch vor allem bei Männern oft wieder, die vor der Operation potent waren und mit beidseitiger Nervenschonung (s.o.) operiert wurden: Gut die Hälfte kann wieder Geschlechtsverkehr ohne Hilfsmittel durchführen; zählt man diejenigen hinzu, die auf PDE-5-Hemmer ansprechen, sind es sogar bis zu 90%. Insgesamt haben bis zu 30% der Männer nach nervenschonender Operation und bis zu 80% der Männer nach einer Operation ohne Nervenschonung eine erektile Dysfunktion. Zur Behandlung stehen zahlreichen Methoden zur Verfügung, die Transplantation von Nerven als Ersatz eines entfernten Gefäß-Nerven-Bündels ist noch Gegenstand von Studien (mehr zum Thema siehe Rehabilitation und erektile Dysfunktion).

Anmerkung zur Sexualfunktion: Die RPE selbst beeinträchtigt weder das Berührungsempfinden der Haut (z.B. am Penis) noch die Libido („Lust“) oder die Fähigkeit zum Orgasmus. Diese können jedoch anders erlebt werden oder aus psychischen Gründen gestört sein (z.B. durch eine depressive Verstimmung wegen der schweren Krankheit). Im Gegensatz dazu geht der Samenerguss stets verloren (trockener Erguss), weil die Samenleiter nicht mehr in die Harnröhre münden und die Hauptbildungsstätten der Samenflüssigkeit, Prostata und Samenblasen entfernt sind.

Adjuvante Therapie

Gelegentlich kann je nach den individuellen Befunden vor oder nach der RPE eine adjuvante (unterstützende) Therapie nötig sein: Eine adjuvante perkutane Strahlentherapie (Bestrahlung von außen nach RPE, s. auch Strahlentherapie), eine neoadjuvante Hormontherapie (vor RPE) oder eine adjuvante Hormontherapie (nach RPE):

Adjuvante perkutane Strahlentherapie: Damit bezeichnet man eine Bestrahlung von außen (Energiedosis 60-64Gy) nach einer RPE, wenn der PSA-Wert nach der Operation in den (für jedes Messverfahren gesondert) definierten Nullbereich abgefallen ist (zum nicht so weit abgefallenen und zum wieder angestiegenen PSA-Wert s.u. Rezidivtherapie). Sie soll in der Regel spätestens 4 Monate nach der Operation beginnen. Patienten mit einem pT3pN0-Tumor mit positivem (tumorbefallenem) Schnittrand soll eine solche Therapie unter Aufklärung über Nutzen und Risiken als Option angeboten werden. Ein gleiches Angebot sollten Patienten mit einem pT3-Tumor und negativem Schnittrand, aber anderen Risikofaktoren (z.B. Samenblasenbefall) erhalten, wobei der erwartete Effekt geringer ist als bei positivem Schnittrand. Patienten mit einem pT2-Tumor mit positivem Schnittrand kann man ein solches Angebot unterbreiten. In allen drei Fällen soll bei der Aufklärung die Alternative genannt werden, eine perkutane Strahlentherapie erst beim PSA-Anstieg aus dem definierten Nullbereich (Salvage-Strahlentherapie, s.u. Rezidivtherapie).

Neoadjuvante Hormontherapie: Bei Patienten mit einem klinisch lokal begrenzten Prostatakrebs soll, bei Patienten mit einem klinisch lokal fortgeschrittenen Tumor sollte vor der RPE keine (neoadjuvante) Hormontherapie durchgeführt werden.

Adjuvante Hormontherapie: Damit bezeichnet man eine Hormontherapie, die zeitnah nach einer RPE begonnen wird, nach welcher der PSA-Wert in den definierten Nullbereich abgefallen ist und keine Krankheitszeichen seitens des Tumors bestehen. Eine solche Therapie soll nicht erfolgen, wenn nach der RPE ein lokal begrenzter Tumor histologisch (feingeweblich) nachgewiesen wurde. Dies gilt auch bei einem lokal fortgeschrittenen Tumor ohne Lymphknotenmetastasen. Bei histologisch gesicherten Lymphknotenmetastasen kann sie hingegen angeboten werden.

Rezidivtherapie

Wenn der PSA-Wert nach der RPE zunächst in den definierten Nullbereich abgefallen ist, später aber wieder auf mehr als 0,2ng/ml ansteigt, was durch mindestens zwei Messungen bestätigt sein muss, spricht man von einem biochemischen Rezidiv (BCR, Labor-Zeichen für ein Wiederauftreten der Erkrankung). Dieses kann verursacht sein durch ein Wiederauftreten des Tumors am ursprünglichen Ort (Tumorrezidiv, „Lokalrezidiv“) oder das Wachstum von Metastasen (Tochtergeschwülsten) in Lymphknoten oder an anderen Stellen des Körpers („systemisches Rezidiv“).

Eine Biopsie zur Sicherung eines Lokalrezidivs nach RPE ist nicht erforderlich. Falls bei einem Patienten mit einem biochemischen Rezidiv nach RPE eine lokale Behandlung (s.u.) in Betracht gezogen wird, soll eine Unterscheidung zwischen einem lokalen und einem systemischen Rezidiv angestrebt werden, anhand der PSA-Verdoppelungszeit (PSA-DT), der Zeit zwischen RPE und PSA-Anstieg sowie des Gleason-Score im entfernten Gewebe. Je kürzer die PSA-DT (z.B. weniger als 3 Monate) und der Abstand zur Operation und je höher der Gleason-Score (mehr als 7), desto wahrscheinlicher handelt es sich um ein systemisches Rezidiv, bei dem eine Hormontherapie infrage kommt. Letztere ist beim biochemischen Rezidiv jedoch keine Standardtherapie.

Für das als lokal eingeschätzte Rezidiv gibt es folgende Empfehlungen: Bei Patienten mit günstigen Kriterien (z.B. ältere Patienten, PSA-DT mehr als 10 Monate, PSA-Anstieg mehr als 2 Jahre nach RPE, Gleason-Score unter 8, kein Befall von Samenblasen oder Lymphknoten) ist das abwartende Verhalten eine Option (s. aktive Überwachung). Bei Patienten, deren Lymphknoten nachweislich nicht befallen oder nicht beurteilbar sind (pN0 oder NX), sollte eine Bestrahlung von außen, eine so genannte perkutane Salvage-Strahlentherapie (SRT, Energiedosis mindestens 66Gy) als Option angeboten werden. Sie soll möglichst früh beginnen (schon bei einem PSA von weniger als 0,5ng/ml). Sind die Lymphknoten nicht befallen (pN0) und beginnt die SRT frühzeitig, sollten die Lymphabflusswege nicht mitbestrahlt werden. Die SRT dient auch als Alternative zur adjuvanten perkutanen Strahlentherapie (s.o. adjuvante Therapie).

Wenn der PSA-Wert nach der RPE nicht in den definierten Nullbereich abgefallen ist (sog. persistierender PSA-Wert), kann die Behandlung nach den gleichen Prinzipien erfolgen wie beim eben genannten biochemischen Rezidiv.

Quellen (u.a.)

  • DGU (Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V.; Hrsg.): Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms. Version 1.00, September 2009. Neueste Version verfügbar auf der Website der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften e.V.) über die Seite dieser Leitlinie als PDF
  • Grimm, M.-O., et al.: Pelvine Lymphadenektomie und radikale Prostatektomie. Empfehlungen der S3-Leitlinie. Urologe 2010; 49: 206-210
  • Heidenreich, A., et al.: Guidelines on prostate cancer. European Association of Urology (EAU) April 2010. Neueste Version verfügbar auf der EAU-Website über die Seite der onkologischen Leitlinien als PDF (englisch)
  • Heidenreich, A., et al.: Nodal-positives Prostatakarzinom. Stellenwert der zytoreduktiven radikalen Prostatektomie. Urologe 2010; 49: 1266-1273
  • Rübben, H. (Hrsg.): Uroonkologie. 4. Auflage, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2007
  • Weckermann, D., et al.: Konzept des Sentinellymphknotens. Ermutigende Erfahrungen bei urologischen Entitäten. Uro-News 2008; 9: 46-50

Autoren: Prof. Dr. med. J. Sökeland und Dr. med. Hubert E. Weiß, 16.03.2011

Letzte Änderung am 13.07.2015
Broschüre: Die Radikaloperation der Prostata beim Prostatakarzinom

Informationen zur Operation bei Prostatakrebs finden Sie auch in der Broschüre Die Radikaloperation der Prostata beim Prostatakarzinom