Welche ist die beste Therapie beim aggressiven Prostatakarzinom?

Einer aktuellen Studie zufolge profitieren Männer mit aggressivem Prostatakarzinom davon, wenn direkt nach der operativen Entfernung der Prostata sowohl eine Bestrahlung von außen als auch eine Hormontherapie durchgeführt werden. Die Erfolgsaussichten sind vergleichbar mit denen einer Kombinationstherapie aus externer und interner Bestrahlung plus Hormontherapie. Weniger günstig ist es, wenn nach der Entfernung der Prostata mit einer Folgetherapie gewartet wird.

Prostatakarzinome können unterschiedlich aggressiv sein. Der Grad der Aggressivität des Prostatakarzinoms wird mit dem sogenannten Gleason-Score angegeben, der durch eine Biopsie der Prostata bestimmt wird. Ein Gleason-Score von 9 oder 10 spricht für einen sehr aggressiven Tumor. Männer, bei denen der Gleason-Score in diesem Bereich liegt, tragen daher ein besonders hohes Risiko, an der Erkrankung zu versterben. Sogar nach einem operativen Eingriff, bei dem die Prostata vollständig entfernt wurde (radikale Prostatektomie), kehrt die Erkrankung nach einer Zeit der Besserung in über 80 % der Fälle zurück, hier spricht man auch von einem Rezidiv. Ist die Erkrankung zurückgekehrt, wird eine Bestrahlung in Kombination mit einer Hormontherapie empfohlen.

Anstatt den Rückfall der Erkrankung abzuwarten (das nennt man auch „abwartendes Beobachten“), kann es für die Patienten sinnvoller sein, gleich eine weitere Behandlung anzuschließen. Eine neue Studie mit 639 Patienten, die in der renommierten Fachzeitschrift JAMA veröffentlicht wurde, bestätigt dies nun: Gerade bei einem aggressiven Prostatakarzinom kann es von Vorteil sein, direkt nach der operativen Entfernung der Prostata eine Bestrahlung von außen (externe Bestrahlung, EBRT) und eine Hormontherapie (Androgendeprivationstherapie, ADT) durchzuführen.

Was wurde untersucht?

In der neuen Studie wurden rückblickend (retrospektiv) die Ergebnisse von folgenden drei Behandlungsstrategien verglichen:

  • Bei Strategie A wurde die Prostata zunächst operativ entfernt und direkt im Anschluss eine externe Bestrahlung sowie eine Hormontherapie durchgeführt.

  • Bei Strategie B bestand die Therapie aus externer Bestrahlung, interner Bestrahlung (Brachytherapie) und Hormontherapie.

  • Bei Strategie C wurde die Prostata entfernt und mit einer weiteren Therapie abgewartet, bis sich die Erkrankung wieder verschlechterte (abwartendes Beobachten).

Dies ist die erste derartige Studie bei Patienten mit aggressivem Prostatakarzinom.

Welche Strategie war am erfolgreichsten?

Nach 5 Jahren Nachbeobachtungszeit (Follow-up) zeigten die Strategien A und B ähnliche Ergebnisse hinsichtlich ihrer Wirksamkeit. Das Risiko, aufgrund des Prostatakrebses innerhalb von 5 Jahren zu sterben, lag in beiden Gruppen bei weniger als 10 %. Wurde die Prostata dagegen nur operativ entfernt, ohne direkt nachfolgende Behandlung (Strategie C), hatten die Patienten ein Risiko, das mit 22 % mehr als doppelt so hoch war. Das Abwarten nach der Operation hatte also die schlechtesten Ergebnisse gebracht.

Ist Abwarten nicht trotzdem besser als zu viel Therapie?

Bei Patienten mit einem aggressiven Prostatakarzinom spricht mehr für die Therapie als für das Abwarten, wobei die Strategien A und B insgesamt vergleichbar gut geeignet sind. Mehr als 75 % der Männer in der Studie, bei denen die Prostata entfernt wurde, wiesen nach der Operation Faktoren auf, die auf ein erhöhtes Risiko für einen Rückfall hindeuteten. Gemäß den aktuellen Erkenntnissen wäre Strategie A bei diesen Patienten am vielversprechendsten gewesen – also eine externe Bestrahlung in Kombination mit einer Hormontherapie direkt nach der Operation. Die Studiendaten zeigen aber, dass diese Behandlungsstrategie – obwohl vom Arzt empfohlen – nur von einem Drittel der Patienten mit hohem Risiko für eine Krankheitsverschlechterung in Anspruch genommen wurde. Das bedeutet, dass diese Patienten weniger Therapie erhalten haben, als zum Erreichen des besten Ergebnisses sinnvoll gewesen wäre. Die Autoren der Studie vermuten als Grund dafür eine Angst vor zu viel Therapie. Ein Zuviel an Therapie sei in dieser Situation sehr unwahrscheinlich, so die Autoren, wenn man berücksichtigt, dass die Erkrankung bei mindestens 80 % der Männer innerhalb von fünf Jahren zurückkehrt und dann ohnehin Bestrahlung und Hormontherapie nötig werden. Noch dazu sind die Überlebenschancen besser, wenn die zusätzliche Therapie – Bestrahlung in Kombination mit Hormontherapie – direkt nach der Operation durchgeführt wird.


Fazit:

Patienten mit aggressivem Prostatakarzinom haben die besten Überlebenschancen, wenn sie entweder direkt nach der operativen Entfernung der Prostata eine Bestrahlung in Kombination mit einer Hormontherapie erhalten oder mit externer und interner Bestrahlung plus Hormontherapie behandelt werden. Sorgen vor einem Zuviel an Therapie sind in den meisten Fällen unbegründet.


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  4. Wiegel T et al. Phase III postoperative adjuvant radiotherapy after radical prostatectomy compared with radical prostatectomy alone in pT3 prostate cancer with postoperative undetectable prostate-specific antigen: ARO 96-02/AUO AP 09/95. J Clin Oncol. 2009; 27(18):2924–2930.

Zuletzt aktualisiert: 29.03.2019