Sportlich aktiv trotz Prostatakrebs

Während vor einigen Jahren auch von Ärzten noch dazu geraten wurde, bei einer Krebserkrankung auf zu viel körperliche Aktivität zu verzichten, ist mittlerweile anerkannt, dass Bewegung durchaus Vorteile für die Patienten hat. Dennoch zeigen Erfahrungen aus der Praxis, dass sich 30 bis 50 Prozent der Patienten nach der Krebsdiagnose weniger bewegen als vorher.

Mann beim Sport

Umso wichtiger ist es für die Betroffenen, über die positiven Effekte körperlicher Aktivität Bescheid zu wissen und sich zu individueller Bewegung zu motivieren. Denn die sportliche Betätigung kann in allen Phasen der Erkrankung stattfinden, um zur Verbesserung der Lebensqualität folgende Ziele zu erreichen:

 

  • Erhalt und Verbesserung der körperlichen und seelischen Stabilität,
  • Vorbeugung und Risikoreduktion von akuten und chronischen Nebenwirkungen oder Komplikationen,
  • verbesserter Therapieerfolg und
  • Verhinderung und Reduktion von Folgen der körperlichen Einschränkungen.

Neben der Akut- und der Reha-Phase gewinnt vor allem die Prehabilitation immer mehr an Bedeutung. Darunter versteht man, dass Patienten bereits nach der Diagnose durch gezielte Bewegung physisch gestärkt und somit auf die Therapie vorbereitet werden. Auch können negative körperliche Effekte, wie etwa Harninkontinenz, von vornherein günstig beeinflusst werden.
Auf welche körperlichen Aspekte sportliche Aktivität bei Prostatakrebspatienten sich positiv auswirken kann, zeigen klinische Untersuchungen. Demnach führt zum Beispiel gezieltes Schließmuskeltraining zu einer Verringerung der Inkontinenz nach einer radikalen Prostatektomie (RPE). Zudem kann sich die Fatigue durch individuell an die Stärke der Symptome angepasste Aktivität verbessern und die Knochendichte kann durch spezielle Übungen zunehmen. Das spielt insbesondere für Patienten, die sich einer Hormontherapie unterziehen, eine Rolle. Für sie hat die körperliche Ertüchtigung zudem Vorteile wie die Reduktion von Nebenwirkungen sowie positive Effekte auf Muskelkraft, Fitness und Körperkonstitution. Beobachtungsstudien zeigen, dass intensive körperliche Betätigung auch die Sterblichkeit (Mortalität) senkt. Warum moderates Training dafür nicht ausreicht, müssen weitere Studien zeigen. Das Gleiche gilt für die guten psychischen Effekte von Bewegung. Zwar sind diese durch einige
Untersuchungen belegt, detaillierte Studien stehen jedoch noch aus.

Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie

Einig sind sich alle medizinischen Experten darin, dass die körperliche Aktivität noch mehr als bisher in die individuelle Versorgung von Krebspatienten integriert werden muss. Bundesweit gibt es derzeit 1.640 Krebs- sowie zahlreiche Reha-Sportgruppen. Darüber hinaus hat die Kölner Sporthochschule ein speziell auf Krebspatienten zugeschnittenes
Programm entwickelt: die Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie (OTT). Das Programm wird bislang zwar nur in Köln angeboten, entsprechende Schulungen für Ärzte und Physiotherapeuten sollen jedoch dafür sorgen, den Nutzen künftig bundesweit den Patienten zukommen lassen zu können. Die OTT ist darauf ausgelegt, Patienten sowohl bereits während der medizinischen Krebstherapie als auch in der Nachsorge zu betreuen und mit einem personalisierten bewegungstherapeutischen Trainingsangebot
aus Kraft, Ausdauer und Koordination zu unterstützen. Dieses basiert auf einem individuellen Trainingsplan aufgrund einer intensiven sportwissenschaftlichen Diagnostik. Dazu arbeitet das Konzept interdisziplinär unter Beteiligung von Ärzten, Bewegungstherapeuten und Onkologen.

Zielgruppe der OTT sind:

  • Patienten während der medizinischen Therapie,
  • Palliativ-Patienten mit chronischem Krankheitsverlauf und
  • Patienten in der Nachsorge mit Nebenwirkungen, wie Polyneuropathie, Lymphödem, Kachexie, Osteoporose, Knochenmetastasen, Fatigue, Harninkontinenz, oder Nebenwirkungen der Hormontherapie.

Während der Therapie sind die entsprechenden Ziele der Erhalt der Leistungsfähigkeit, die Vermeidung und Reduktion erkrankungs- und therapiebedingter Nebenwirkungen sowie in der Nachsorge die Verbesserung der Leistungsfähigkeit und die Reduktion bestehender Nebenwirkungen und Beeinträchtigungen.

Zelluläre Prozesse

Interessant sind auch Untersuchungen, die sich mit dem Effekt von Bewegung und Sport auf molekularer und zellulärer Ebene beschäftigen,
So spielt etwa die Aktivierung von sogenannten Stammzellen bei der Muskelregeneration und beim Muskelaufbau eine entscheidende Rolle und somit bei der Verhinderung von Muskelschwund. Da an der Zellaktivierung auch Testosteron beteiligt ist, kann ein Krebstherapie-bedingter Testosteronmangel zu Problemen führen, denen gezieltes Training wiederum entgegenwirken kann. Untersuchungen zeigen, dass ein Training in Blöcken mit unterschiedlicher Intensität – wie etwa Profi- Radsportler es betreiben – besonders gut zur Zellaktivierung und somit zum Muskelaufbau geeignet ist. Dieses Prinzip können sich auch Freizeitsportler und Krebspatienten zunutze machen. Und auch bei der Tumorabwehr macht sich Training bemerkbar: Zum einen nehmen Untersuchungen zufolge durch körperliche Aktivität die sogenannten Killerzellen des Immunsystems zu, die für die Tumorbekämpfung zuständig sind. Zum anderen werden durch Bewegung zelluläre Faktoren produziert, die sich negativ auf das Wachstum des Tumors auswirken. Zudem zeigen erste Studienergebnisse, dass durch Training entstehende Enzyme im Blut Endostatin freisetzen. Dieses wird als eine neue Substanz in der Tumortherapie untersucht, da es beim Tumor möglicherweise die Bildung von Blutgefäßen hemmen kann. Und ebenfalls interessant: Intensive körperliche Aktivität wirkt sich positiv auf die Kognition und die psychische Leistungsfähigkeit aus, indem es dem Gehirn direkt Energie in Form von Laktat liefert.

Fragen Sie Ihren Arzt...

Wenn ein Patient Fragen hat oder unsicher ist, ob er Sport machen darf, sollte er seinen Arzt um Rat fragen. Das Gleiche gilt natürlich, wenn der Betroffene aktiv etwas dazu beitragen möchte, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Jeder Patient sollte dann mit der Bewegung beginnen, die seinem derzeitigen Leistungsstand entspricht. Dafür kann der behandelnde Arzt in Absprache mit dem behandelnden Hausarzt sowie nach einer entsprechenden Untersuchung eine Sporttauglichkeitsbescheinigung ausstellen. Damit ist die Rückkehr oder der Neubeginn von Individual- oder Vereinssport möglich. Nicht zuletzt ist der Arzt der kompetente Ansprechpartner für die Vermittlung von Kontaktadressen von Krebssportgruppen oder Physiotherapiepraxen sowie für hilfreiches Informationsmaterial zum Thema Bewegung.

Weitere Informationen:

  • Landes- und/oder Behindertensportbünde informieren über zertifizierte Anbieter für Reha-Sport im jeweiligen Bundesland, eine Auflistung aller Landessportbünde findet man unter www.dosb.de/de/organisation/mitgliedsorganisationen/landessportbuende
  • Krankenkassen helfen bei der Suche nach Krebssportgruppen in der Nähe des Patienten.
  • Deutsche Sporthochschule Köln, Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, Abt. 2, Am Sportpark Müngersdorf 6, 50933 Köln, Tel.: 0221 / 4982 – 4821,
    Fax: 02 21 / 4982-8370.
  • OTT: ott@dshs-koeln.de

Quelle:

  • Interaktives Prostatakarzinom-Symposium „PCa-Therapie plus – Therapiebegleitung unserer Patienten: Eine Sache für Team- und Sportsgeist“, Deutsche Sporthochschule Köln, 4. bis 5. März 2016

Autorin: Anne Göttenauer, 27.09.2016