Seelische Unterstützung annehmen

Die Diagnose Krebs führt zu plötzlichen und einschneidenden Veränderungen im Leben. Dabei stellen die Erkrankung, ihre Behandlung und mögliche Folgen nicht nur eine körperliche Belastung dar, auch die Seele ist betroffen. Umso wichtiger ist eine psychoonkologische Therapie.

Mit der Krebsdiagnose tauchen Gefühle auf, mit denen sich der Betroffene vorher nicht auseinandersetzen musste. Dabei steht meistens Angst an erster Stelle. Anfangs häufig noch als unklare Bedrohung wahrgenommen, kristallisieren sich bald wichtige Fragen heraus: „Wie gefährlich ist die Krankheit? Ist sie heilbar? Welche Untersuchungen und Therapien gibt es und was sind ihre Folgen? Kann die Erkrankung wiederkommen? Alle diese Fragen können den Patienten selbst, aber auch Familie und Freunde seelisch belasten. 

Das Gleiche gilt für die Strapazen, die eine Behandlung mit sich bringen kann. Nicht nur körperliche, auch psychische Symptome können die Lebensqualität des Patienten erheblich einschränken. So ist rund ein Drittel aller Krebspatienten durch die Erkrankung so stark belastet, dass sie therapeutische Hilfe benötigen. Dabei reichen die möglichen Behandlungsangebote von Entspannungsund Kreativ- bis hin zu Gesprächs- und Verhaltenstherapien – in Einzel-, Paar- oder Gruppensitzungen. Das Ziel der Therapie ist es, den Patienten im Umgang mit seiner Erkrankung zu stärken und ihm zu helfen, mit Ängsten und negativen Gefühlen umzugehen. Diese emotionale Entlastung
kann dabei helfen, den Behandlungsverlauf der Krebserkrankung positiv zu beeinflussen.

Auch Männer betroffen

Aber nicht jeder Patient ist offen für psychoonkologische Angebote. Insbesondere das vermeintlich „starke“ Geschlecht ist dafür nur selten empfänglich. „In der Uroonkologie behandeln wir viele ältere, an Prostatakrebs erkrankte Männer, die es nicht gelernt haben, über sich und ihre Gefühle zu sprechen“, weiß Prof. Dr. Peter Herschbach, Direktor des Roman-Herzog Krebszentrums (RHCCC) und der Sektion Psychosoziale Onkologie des Klinikums rechts der Isar München. Viele Männer nähmen entsprechende Unterstützungsangebote nicht in Anspruch, obwohl therapeutische Hilfe sinnvoll und notwendig wäre und ihre Lebensqualität deutlich verbessern könnte.
Aus diesem Grund findet es die Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V. (DGU) wichtig, das psychoonkologische Spektrum für Patienten mit Prostatakrebs stetig auszubauen, auch wenn die Psychoonkologie bereits Bestandteil der Behandlung ist. Entsprechend ist sie in den Zertifizierungskriterien für onkologische Zentren sowie in der S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie des Prostatakarzinoms und im Nationalen Krebsbehandlungsplan verankert. Dabei geht es vor allem um folgende Fragen: Welche Belastungen sind Krebspatienten unterworfen? Woran erkennt man Patienten, die Hilfe brauchen? Welche psychologische Unterstützung hat sich bewährt?

„Jeder Patient geht, je nach Persönlichkeit und persönlicher Lebenssituation, unterschiedlich mit seiner Erkrankung um“, sagt Prof. Herschbach. Um herauszufinden, wer professionelle Hilfe braucht, hat sich das sogenannte Distress Screening etabliert. Dabei handelt es sich um wenige einfache Fragen, anhand derer der Arzt erkennen kann, ob der Patient behandlungsbedürftigen psychischen Belastungen ausgesetzt ist und gegebenenfalls ein Psychoonkologe zur Behandlung hinzugezogen werden sollte. 

Bei Prostatakrebspatienten benötigen demnach etwa 20 Prozent professionelle Hilfe. Dabei kommen Herschbach zufolge ältere Männer mit der Situation oftmals besser zurecht als jüngere. Diese haben nicht nur Angst vor einer Ausbreitung der Erkrankung, sondern vor allem auch vor sexuellen Funktionsstörungen und damit einem möglichen Verlust des männlichen Selbstwertgefühls.

Wo finde ich Hilfe?

Aber der Patient muss nicht warten, bis der Arzt ihm eine psychische Belastung attestiert. Jeder Betroffene, der unter seelischen Problemen leidet, sollte sich nicht scheuen, diese anzusprechen und sich Hilfe zu suchen. Erste Anlaufstelle dafür können Selbsthilfegruppen sein. Hier können sich Patienten nicht nur gegenseitig unterstützen und Erfahrungen austauschen, man kann sich auch informieren, wo im näheren Umkreis man einen Psychoonkologen oder psychoonkologisch tätigen Psychologen
findet. Wohnortsnahe Selbsthilfegruppen und weitere Informationen erhält man beim Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe (BPS) e. V. unter www.prostatakrebs-bps.de.

Ebenfalls Wissenswertes rund um mögliche psychische Beschwerden sowie eine entsprechende Beratung bzw. die Vermittlung von Kontakten bietet der Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). Alle unter www.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/adressen/psychoonkologen.php vermittelten Psychoonkologen haben eine von der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. anerkannte Weiterbildung in der Beratung und Behandlung von Krebspatienten. Der Krebsinformationsdienst bietet zudem unter der Nummer 0800-420 30 40 jeden Tag von 8 bis 20 Uhr eine kostenlose Hotline. Auch können Fragen an krebsinformationsdienst@dkfz.de gestellt werden.

Rolle der Angehörigen

Von einer schweren Erkrankung sind grundsätzlich auch immer die Angehörigen betroffen. Sie machen sich ebenfalls Sorgen und leiden mit. Nicht selten kann es daher auch für Familienmitglieder nötig sein, sich professionelle psychologische Hilfe zu suchen, um mit ihren ganz persönlichen Ängsten umgehen zu lernen. Außerdem ist es grundsätzlich sinnvoll, die Frauen in die Psychotherapie des Mannes miteinzubeziehen. Prof. Herschbach: „Es sind oft die Frauen, die ihre Partner für psychoonkologische Begleitung empfänglich machen. Männer können ihre Probleme und Ängste oft schlecht kommunizieren – das übernehmen nicht selten die Frauen.“

Quellen:

  • Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V.
  • Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ)
  • Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe (BPS) e. V.

Autorin: Anne Göttenauer, 27.09.2016