Strahlentherapie (Prostatakarzinom)

Frage: Was heißt „Strahlentherapie“? Meint man damit Bestrahlung?

Antwort: Strahlentherapie ist ein allgemeiner Begriff für die Anwendung von Strahlen jeglicher Art zu Behandlungszwecken. Als Teilgebiet der Strahlenheilkunde (Radiologie) ist die Bezeichnung enger gefasst: Man versteht darunter die Behandlung bösartiger Tumoren mit Hilfe von energiereichen, so genannten ionisierenden Strahlen (s. Radioaktivität), zum Beispiel mit Röntgenstrahlen oder Gammastrahlen. Beim Prostatakarzinom werden zwei verschiedene Arten der Strahlentherapie verwendet: Die perkutane Strahlentherapie (Bestrahlung von außen) und die Brachytherapie (Bestrahlung von innen durch einen in die Prostata eingebrachten radioaktiven Stoff = Radionuklid).

Frage: Was machen die Strahlen im Körper?

Antwort: Bei der Strahlentherapie schädigen die Strahlen Zellen. Dabei werden chemische Stoffe entweder direkt verändert oder aber indirekt durch schädliche Spaltprodukte von Wassermolekülen. Dies kann die Struktur (z.B. Zellmembran) und die Funktion (z.B. Enzyme, DNA) aller Zellbestandteile betreffen. Erwünschte Folgen sind vor allem die Hemmung der Teilung und das Absterben von Zellen eines bösartigen Tumors.

Frage: Wie kann man sicher sein, dass nur der Krebs geschädigt wird?

Antwort: Einen absoluten Schutz von gesundem Gewebe gibt es leider nicht. Bösartige Zellen sind jedoch meist strahlensensibler als gesunde. Dies hängt vor allem mit dem relativ raschen Wachstum und der guten Durchblutung von bösartigen Tumoren zusammen. Zudem versucht man mit technischen Mitteln, das gesunde Gewebe zu schonen: Bei der Brachytherapie bringt man eine Quelle von Strahlen mit kurzer Reichweite direkt in den Tumor. Bei der perkutanen Strahlentherapie (Bestrahlung von außen) gibt es viele Maßnahmen, zum Beispiel Bündelung der Strahlen auf den Tumor (Fokussierung), Bestrahlung aus verschiedenen Richtungen (Mehrfeldtechnik), Veränderung der Form des Bestrahlungsfelds, unterschiedliche Strahlenstärke innerhalb des Feldes (Intensitätsmodulation), Aufteilung der Bestrahlung auf mehrere Sitzungen (Fraktionierung; gesunde Zellen erholen sich schneller als bösartige).

Frage: Bei mir soll die Prostata wegen Krebs mit 72Gy bestrahlt werden. Was bedeutet das?

Antwort: Gy ist die Abkürzung für Gray und steht für die „Strahlenmenge“. Genauer gesagt für die Energiedosis, das heißt die vom Zielgewebe aufgenommene Energie (in J = Joule) pro Kilogramm Gewebe (s. auch im Lexikon unter Gray). Eine Gesamtdosis von 72Gy ist bei der perkutanen Strahlentherapie (Bestrahlung von außen) des Prostatakarzinoms üblich. Sie wird in der Regel in Einzeldosen von etwa 2Gy aufgeteilt (je nach Technik). Bei 5 Bestrahlungen pro Woche dauert die Behandlung damit insgesamt 6-8 Wochen.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen der LDR- und der HDR-Brachytherapie?

Antwort: Bei beiden Verfahren ist ein kurzer operativer Eingriff in „Rückenmarksnarkose“ nötig. Dabei werden nach vorheriger Planung mehrere Strahlenquellen über Hohlnadeln vom Damm aus in die Prostata eingebracht. Bei der LDR-Brachytherapie verbleiben sie dort und geben für längere Zeit eine relativ geringe Strahlendosis ab (LDR = eng. low dose rate). Bei der HDR-Brachytherapie benutzt man Stoffe mit wesentlich stärkerer Strahlung (HDR = engl. high dose rate). Zum Schutz des Personals muss man sie ferngesteuert aus einem abgeschirmten Behälter in die Prostata „nachladen“ (engl. afterloading) und nach einigen Minuten wieder dorthin zurückfahren. Meist wird dieser Eingriff ein Mal wiederholt und von einer perkutanen Strahlentherapie (Bestrahlung von außen) ergänzt.

Frage: Ich habe Krebs, der noch in der Prostata ist und nicht gestreut hat. Soll ich mich operieren oder bestrahlen lassen?

Antwort: Sofern von den Befunden und vom Zustand des Patienten her eine kurative (auf Heilung ausgerichtete) Behandlung möglich ist, gibt es bei einem solchen lokal begrenzten Prostatakarzinom ohne Metastasen grundsätzlich folgende Behandlungsoptionen: Operation (radikale Prostatektomie), Bestrahlung von außen (perkutane Strahlentherapie), Bestrahlung von innen (Brachytherapie) und Abwarten unter genauen Kontrollen (aktive Überwachung).

Jedes der Verfahren hat seine eigenen Vor- und Nachteile, und alle bieten wahrscheinlich ähnlich gute Erfolgsaussichten (es liegen bislang keine aussagekräftigen Studien mit einem direkten Vergleich vor). Deshalb kann man derzeit keine generelle Empfehlung geben. Die Entscheidung hängt von zahlreichen Faktoren ab (z.B. dem Risiko für ein Fortschreiten des Tumors). Sie sollten sich also gut informieren und amhand der Befunde das weitere Vorgehen mit Ihrem Arzt besprechen.

Frage: Wenn der Krebs über die Prostata hinaus gewachsen ist, wie kann dann bestrahlt werden?

Antwort: Bei einem lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinom (ohne Metastasen) soll eine perkutane Strahlentherapie (Bestrahlung von außen) wegen der besseren Erfolgsaussichten mit einer Hormontherapie kombiniert werden. Ob eine zusätzliche Bestrahlung der Lymphabflusswege im Becken von Vorteil ist, konnte noch nicht abschließend geklärt werden. Es kann statt dessen auch eine HDR-Brachytherapie infrage kommen, kombiniert mit einer perkutanen Strahlentherapie und eventuell einer Hormontherapie. Dagegen wird die LDR-Brachytherapie in diesem Fall nicht empfohlen.

Frage: Welche Nebenwirkungen kann die Strahlenbehandlung von Prostatakrebs haben?

Antwort: Die Liste ist wie so oft in der Medizin ziemlich lang. Schwere Komplikationen treten sehr selten auf. Zu frühen Nebenwirkungen (innerhalb der ersten drei Monate) kommt es nur selten, zu späten dagegen häufiger (auch noch nach Jahren). Die wichtigsten sind: Vorübergehend verstärkte Beschwerden beim Wasserlassen (nur nach Brachytherapie), Entzündungen von Harnblase (Zystitis), Harnröhre (Urethritis) oder Mastdarm (Proktitis), Harninkontinenz (unfreiwilliger Abgang von Urin), narbige Verengung (Striktur) der Harnröhre, erektile Dysfunktion (Störung der Gliedversteifung). Das Risiko, in der Umgebung einen Zweittumor zu entwickeln (Harnblase, Mastdarm), ist geringfügig erhöht.

Frage: Kommt es nach dem Einpflanzen von Seeds wirklich seltener zur Impotenz als nach äußerer Bestrahlung oder Operation?

Antwort: Vermutlich nicht. Die Strahlentherapie, wozu auch die LDR-Brachytherapie (oder Seed-Implantation) gehört, wirkt langsamer als die Operation (radikale Prostatektomie). Deshalb treten mögliche Nebenwirkungen meist später auf, so auch eine Störung der Erektion (Gliedversteifung). Es kommt also darauf an, welchen Zeitpunkt man betrachtet. Ein Jahr nach radikaler Prostatektomie mit Nervenschonung, nach perkutaner Strahlentherapie (Bestrahlung von außen) und nach LDR-Brachytherapie ohne Zusatzbestrahlung sollen etwa gleich viele Patienten davon betroffen sein. Allerdings gibt es bisher keine aussagekräftigen Studien mit einem direkten Vergleich der Methoden, und ein Vergleich der Einzelstudien ist sehr schwierig, weil oft Patienten in unterschiedlichen Stadien der Erkrankung und mit verschiedenen Vorbefunden eingeschlossen wurden.

Frage: Ich wurde bis vor einem halben Jahr wegen Prostatakrebs bestrahlt. Das PSA ist zuerst geringfügig abgefallen und jetzt wieder etwas angestiegen. Heißt das, dass die Bestrahlung erfolglos war?

Antwort: Eher nicht. Nach einer perkutanen Strahlentherapie (Bestrahlung von außen) kommt es relativ oft zunächst zu einem Anstieg des PSA mit schwankenden Werten (PSA-Bounce). Im Gegensatz zur Operation (radikale Prostatektomie), nach der das PSA sehr schnell abfällt, dauert es hier im Schnitt 18-36 Monate, bis der Tiefpunkt (Nadir) erreicht ist. Der Wert muss dennoch ständig überwacht werden, weil sein Anstieg ein so genanntes biochemisches Rezidiv (BCR, Labor-Zeichen für ein Wiederauftreten der Erkrankung) bedeuten kann. Von einem BCR geht man nach alleiniger Strahlentherapie normalerweise erst aus, wenn mindestens zwei PSA-Werte um mehr als 2ng/ml über dem Nadir liegen.

Frage: Bei mir ist das PSA drei Jahre nach Prostata-Spickung wieder stark angestiegen. Mein Urologe spricht von einem biochemischen Rezidiv. Was heißt das und welche Möglichkeiten gibt es?

Antwort: Der Begriff bedeutet, dass das PSA als Laborwert ein Wiederauftreten der Erkrankung anzeigt. Mögliche Ursachen sind ein Tumorrezidiv (Wiederauftreten des Tumors am ursprünglichen Ort, „Lokalrezidiv“, s. Rezidiv) und das Wachstum von Metastasen (Tochtergeschwülsten) in Lymphknoten oder an anderen Stellen des Körpers („systemisches Rezidiv“).

Ein Lokalrezidiv ist um so wahrscheinlicher, je länger die PSA-Verdoppelungszeit (PSA-DT), je größer der Abstand zu der bei Ihnen durchgeführten LDR-Brachytherapie und je niedriger der Gleason-Score in der Prostatabiopsie ist. Die Behandlungsoptionen sind in diesem Fall die aktive Überwachung und die Operation (Salvage-Prostatektomie), außerdem, und dies gilt auch für das systemische Rezidiv, die Hormontherapie und das abwartende Beobachten.

Ausführliche Informationen zu diesem Thema finden Sie in der Rubrik „Wissen“ im Abschnitt „Prostatakarzinom“ unter Strahlentherapie.

Zuletzt aktualisiert: 07.05.2018