Testosteronersatztherapie und Prostatakarzinom

Bei einem Mangel an Testosteron kann dieses männliche Geschlechtshormon medikamentös ersetzt werden. Diese Behandlung scheint das Risiko für das Entstehen und Wiederauftreten von Prostatakrebs nicht zu erhöhen.

Testosteron wird vor allem in den Hoden gebildet und ist der Hauptvertreter der männlichen Geschlechtshormone, der Androgene. Sie sind wichtig für die Entwicklung und viele Funktionen des männlichen Körpers, nicht nur für die Sexualfunktion wie Libido („Lust“), Erektion (Gliedversteifung) und Fruchtbarkeit, sondern auch für die Muskulatur, die Behaarung, den Stoffwechsel, die Blutbildung, die Psyche und vieles mehr (s. Geschlechtshormone).

Einen Mangel an Testosteron bezeichnet man als Hypogonadismus (Unterfunktion der Geschlechtsdrüsen). Er kann angeboren oder erworben sein und zahlreiche Ursachen haben. Die Symptome (Krankheitszeichen) sind abhängig vom Zeitpunkt des Auftretens und vom Ausmaß des Mangels. Tritt der Hypogonadismus beispielsweise vor der Pubertät auf, so bleibt diese aus und damit auch die Weiterentwicklung zum Mann (Eunuchoidismus, von Eunuch, Kastrat). Ein weiteres Beispiel ist der Testosteronmangel durch einen medikamentösen Androgenentzug bei Prostatakrebs mit seinen typischen möglichen Nebenwirkungen (s. Hormontherapie des Prostatakarzinoms).

Eine häufige, erworbene Form ist der so genannte Altershypogonadismus. Dafür gibt es viele Bezeichnungen wie PADAM (partielles Androgendefizit des alternden Mannes), ADAM (Androgenmangelsyndrom), TMS (Testosteronmangelsyndrom), Andropause (Androgen-Pause), Klimakterium virile (Wechseljahre des Mannes) und LOH (engl. late onset hypogonadism = spät einsetzender Hypogonadismus). Seine Häufigkeit nimmt mit dem Alter zu, von 10% bei 40-Jährigen bis 30% bei 80-Jährigen, da die Testosteronproduktion etwa ab dem 40. Lebensjahr immer geringer wird (um ca. 1% pro Jahr). Auch bei „Zivilisationskrankheiten“ wie Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) kommt Altershypogonadismus gehäuft vor.

Dennoch müssen keine Symptome (Krankheitszeichen) auftreten. Solche sind zum Beispiel Abbau von Muskulatur (Schwäche) und Knochen (Osteoporose, Knochenschmerzen), Umverteilung des Körperfetts, Gewichtszunahme, Hitzewallungen, Müdigkeit, Depression, Abnahme der Libido („Lust“) und erektile Dysfunktion (Störung der Gliedversteifung). Viele davon können jedoch auch durch das Alter oder eine ungesunde Lebensweise (z.B. Bewegungsmangel, Überernährung, Alkoholkonsum, Rauchen) bedingt sein. Deshalb sind hier wie auch bei anderen Formen des Hypogonadismus genaue Untersuchungen nötig, bevor die Diagnose gestellt und eine Therapie begonnen wird.

Die Behandlung des Hypogonadismus ist medikamentös möglich. Hierfür stehen zahlreiche Testosteronpräparate in verschiedenen Formen zur Verfügung (Spritzen, Kapseln, Pflaster, Gel). Dabei erfolgt ein Ersatz (eine Substitution) des fehlenden Testosteron, so dass sich dessen Blutspiegel normalisiert. Gerade bei Männern im mittleren und höheren Alter stellt sich jedoch die Frage, ob die Testosteronersatztherapie das Risiko für das Entstehen von Prostatakrebs oder für dessen Wiederauftreten (ein Rezidiv) nach einer früheren erfolgreichen Krebsbehandlung erhöht. Denn bekanntlich spielen Androgene eine wichtige Rolle beim Wachstum von Prostatakrebs, und ihr Entzug ist eine der Behandlungsmöglichkeiten (s. Ursachen des Prostatakarzinoms bzw. Hormontherapie des Prostatakarzinoms).

Testosteronersatz und Prostatakrebsrisiko

Aus der Höhe des Blutspiegels von Testosteron kann man nicht auf das Risiko für das Vorhandensein eines Prostatakarzinoms schließen. Die Gefahr für das Entstehen von Prostatakrebs steigt jedoch mit der Menge des frei im Blut vorhandenen Testosteron, die mit dem Alter aber sinkt. Die Testosteronersatztherapie könnte das Wachstum von Prostatakrebs fördern und ist kontraindiziert („verboten“), wenn ein solcher Tumor vorliegt. Bei Männern mit Hypogonadismus sollte deshalb vor Beginn der Behandlung ein Prostatakarzinom mittels DRU (digitaler rektaler Untersuchung) und Bestimmung des PSA-Werts ausgeschlossen werden.

Findet sich kein Prostatakrebs, kann das Testosteron bei Männern mit Hypogonadismus medikamentös ersetzt werden. Dass dies das Risiko für das Entstehen von Prostatakrebs erhöht, wurde bislang nicht nachgewiesen. Allerdings fehlen hierzu noch Langzeitdaten. Während der Testosteronersatztherapie sollten im ersten Jahr halbjährlich und danach jährlich eine DRU sowie eine Kontrolle des PSA-Werts, des Testosteronspiegels und des Hämatokrit („Dicke“ des Bluts) erfolgen.

Hormonersatz nach Prostatakrebs-Behandlung

Männer mit Prostatakrebs, deren Tumor kurativ (heilend) behandelt wurde (durch radikale Prostatektomie oder Strahlentherapie), können nach dieser Behandlung einen Hypogonadismus entwickeln. Mit der Testosteronersatztherapie lassen sich dessen Risiken vermindern und die Symptome und damit die Lebensqualität des Betroffenen deutlich verbessern. Ob dadurch das Risiko für ein Rezidiv (Wiederauftreten des Tumors) steigt, ist derzeit noch unklar. Deshalb sollte der Betroffene genau aufgeklärt und engmaschig überwacht werden (Kontrollen alle 3-6 Monate). In ersten Untersuchungen mit einem Beginn der Ersatztherapie frühestens nach 2 Jahren wurde kein erhöhtes Rezidivrisiko gefunden. Die Medikamente sind in diesen Fällen dennoch bisher nicht zugelassen.

Über Männer mit Prostatakrebs, die unter Hypogonadismus leiden, aber nicht oder noch nicht kurativ behandelt wurden, gibt es nur einzelne Berichte zur Testosteronersatztherapie, so dass keine Empfehlung möglich ist. Dies betrifft vor allem Patienten nach Beendigung einer Hormontherapie, bei denen die Testosteronproduktion nicht wieder ansteigt, aber auch Patienten mit Metastasen (Tochtergeschwülsten) und Männer unter aktiver Überwachung.

Fazit

Die Testosteronersatztherapie scheint das Risiko für das Entstehen und Wiederauftreten eines Prostatakarzinoms nicht zu erhöhen. Dennoch ist von einem unkritischen und unkontrollierten Einsatz abzuraten, vor allem wenn dies mit dem Ziel geschieht, den natürlichen Alterungsprozess aufhalten zu wollen (Anti-Aging). Gerade bei Symptomen wie Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes mellitus, die sowohl Ursache als auch Folge eines Testosteronmangels sein können, sowie bei Zeichen wie Störungen der Sexualfunktion, die möglicherweise von einer ungesunden Lebensweise herrühren, sollte man zunächst versuchen, den Lebensstil zu ändern, beispielsweise mit einer gesunden Ernährung und mehr Bewegung oder Sport.

Quellen

  • DGU (Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V.; Hrsg.): Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms. Version 1.00, September 2009. Neueste Version verfügbar auf der Website der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften e.V.) über die Seite dieser Leitlinie als PDF
  • Kaminsky, A., et al.: Testosteronsubstitutionstherapie beim Prostatakarzinom. Urologe 2010; 49: 20–25
  • Paasch, U., et al.: Andrologische Testosteronersatztherapie. Urologe 2009; 48: 79–87
  • Popken, G.: Testosteronsubstitution. Applikation und Kontrollen. Urologe 2010; 49: 37–42
  • Rinnab, L., et al.: Testosteronsubstitution und Prostatakarzinom. Eine Standortbestimmung 67 Jahre nach dem Huggins-Mythos. Urologe 2009; 48: 516–522
     

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Zuletzt aktualisiert: 21.05.2019