Aktive Überwachung bei lokal begrenztem Prostatakarzinom (Prostatakrebs)

Gleich zwei neue Studien, die auf dem deutschen Urologenkongress 2007 vorgestellt wurden, gehen der Frage nach, ob man bei einem Tumor im Stadium T1c abwarten kann. Das Ergebnis: Ja, aber nur in bestimmten Fällen.

In der ersten Studie (Özgür et al.) wurden unter 323 Patienten nach radikaler Prostatektomie (Prostataentfernung) 35 identifiziert, bei denen vor der Operation ein „Low-risk“-Prostatakarzinom festgestellt worden war. Ein solcher Tumor mit niedrigem Risiko wurde angenommen bei einem PSA-Wert bis 10ng/ml, nur einer positiven (befallenen) Probe bei der Prostatabiopsie, einem Gleason-Score bis 6 und einem klinischen Stadium T1c (Tumor durch Nadelbiopsie diagnostiziert, weder tastbar noch mit bildgebenden Verfahren sichtbar, klinisch auf die Prostata begrenzt).

Unabhängig von der Prostatagröße (28-110ml) waren bei diesen Patienten 4-12 (bei etwa zwei Dritteln 6) Proben bei der Biopsie entnommen und weiter verarbeitet worden, aber nur bei etwa 6% gemäß der aktuellen Leitlinien. Nach der Operation wurde der Gleason-Score nur in zwei Fällen herauf- und in fünf Fällen herabgestuft; der Tumor zeigte sich bei 77,1% lokal begrenzt und bei 28,9% lokal fortgeschritten.

Die Autoren folgern daraus, dass die aktive Überwachung (active surveillance) im Stadium T1c und bei nur einer positiven Biopsie-Probe eine angemessene Strategie ist. Sie empfehlen aber, zuvor eine erneute Biopsie mit Entnahme von mindestens 10 Proben durchzuführen (standardisierte transrektale Prostatastanzbiopsie unter TRUS-Kontrolle, s. Prostatabiopsie), weil ansonsten zu viele behandlungsbedürftige Tumoren übersehen werden werden könnten.

Die zweite Studie (Herfs et al.) umfasste 430 Patienten nach radikaler Prostatektomie, die zuvor nach den Epstein-Kriterien beurteilt worden waren: Bei einem klinischen Stadium T1c (s.o.), weniger als 3 positiven Proben bei der 6fach-Biopsie, wovon keine zu mehr als 50% befallen sein darf, einem Gleason-Score bis 6, einer PSA-Dichte von weniger als 0,15 und einem freien PSA von mehr als 15% sind diese Kriterien erfüllt, und der Tumor gilt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit als insignifikant (nicht behandlungsbedürftig).

Diese Beurteilung hatte auf 64 Patienten zugetroffen. Um eine unnötige Behandlung zu vermeiden, waren sie zunächst im Mittel 16,5 Monate nachbeobachtet (mit PSA-Kontrolle alle 6 und Biopsie alle 12 Monate) und erst auf Wunsch oder bei Überschreitung der Kriterien operiert worden. Gegenüber den restlichen Patienten waren bei ihnen die PSAV (PSA-Anstiegsgeschwindigkeit) geringer (0,08 gegen 0,75 ng/ml/Jahr), die PSADT (PSA-Verdoppelungszeit) länger (4,05 gegen 2,91 Jahre), der volumenbezogene PSA-Wert höher (3,86 gegen 3,3 ng/ml) und der Tumor kleiner (0,3 gegen 2,2 ccm). Die Richtigkeit der Vorhersage wurde mit 55% für einen insignifikanten und mit 70% für einen signifikanten Tumor berechnet.

Daraus schließen die Autoren, dass die Epstein-Kriterien für die Entscheidung zur aktiven Überwachung (active surveillance) nur mäßig hilfreich sind und ihre Überschreitung für den Entschluss zur Behandlung nicht ausreichen. Zusätzlich sollten deshalb PSAV, PSA-DT und volumenbezogene PSA-Werte herangezogen werden, um eine Überbehandlung zu vermeiden und rechtzeitig eingreifen zu können.

Fazit: Beide Studien sprechen dafür, dass die aktive Überwachung bei einem Prostatakarzinom im Stadium T1c (durch Biopsie gefunden) unter bestimmten Umständen eine Alternative zur sofortigen Behandlung darstellt. Da solche Fälle wegen der steigenden Inanspruchnahme der Vorsorgeuntersuchungen immer häufiger vorkommen, ist die genaue Vorhersage von größter Wichtigkeit, welche Bedeutung der Tumor für den Betroffenen erlangen kann, ob er weiterwächst oder latent (verborgen) bleibt. Dieses Ziel ist jedoch noch nicht erreicht.

Quellen (u.a.):

  • Özgür, E., et al.: Aktive Surveillance (AS) beim Low-Risk Prostatakarzinom: wie verlässlich ist die prätherapeutische Diagnostik? 59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Berlin, 26.-29.9.07, Vortragssitzung 15 „Lokal begrenztes Prostatakarzinom Therapie II“, Vortrag 1 am 28.9.07, und Abstract V 15.1
  • Özgür, E., et al.: TRUS-gesteuerte Rebiopbsie wird empfohlen. Biermann, Köln, Urologische Nachrichten 10/07, 3. Ausgabe zum 59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, S. 9
  • Herfs, G., et al.: Active Surveillance - eine valable Bahandlungsoption zur Vermeidung eines Overtreatments beim klinisch insignifikanten Prostatakarzinom (PCa)? 59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Berlin, 26.-29.9.07, Vortragssitzung 15 „Lokal begrenztes Prostatakarzinom Therapie II“, Vortrag 2 am 28.9.07, und Abstract V 15.2
     

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