Probeentnahme bei Prostatakrebs

Der deutsche Urologenkongress 2009 hatte gleich sechs neue Studien zur Prostatabiopsie zu bieten. Themen waren insbesondere die Genauigkeit der Vorhersage von nicht behandlungsbedürftigen oder lokal begrenzten Tumoren sowie die Sättigungsbiopsie.

Die Partin-Tabellen waren Gegenstand der ersten Untersuchung (Diedrich). Mit ihnen lassen sich anhand des klinischen Stadiums (T1c bis T2c, zum TNM-System siehe Wachstum und Ausbreitung des Prostatakarzinoms), des Gleason-Score und des PSA-Werts die Wahrscheinlichkeiten für einen organbegrenzten Tumor, eine Kapselüberschreitung und einen Samenblasenbefall vorhersagen. Die Auswertung der Daten von 938 Patienten nach radikaler Prostatektomie ergab, dass die Vorhersagegenauigkeit für die Organbegrenztheit und die Kapselüberschreitung mit der Zahl der entnommenen Proben anstieg. Allerdings war die Vorhersage für einen Samenblasenbefall nicht genauer.

Die Erkennung nicht behandlungsbedürftiger (insignifikanter) Tumoren durch die Gewebeentnahme ist immer noch schwierig. In einer deutschen Studie (Musch) waren vor und nach der Operation im Gegensatz zu den USA nur wenige nicht behandlungsbedürftige Tumoren erkennbar (4,1% bzw. 6,8%). Die Übereinstimmung war so schlecht, dass anhand der so genannten Epstein-Kriterien von 2004 nur ein einziger Tumor vor der Operation korrekt eingestuft worden wäre.

Die Vorhersage für einen einseitigen, lokal begrenzten Tumor ist offenbar ebenfalls schwierig: In einer Untersuchung (Vogel) an 243 Männern mit einem Tumor mit niedrigem Risiko (low risk: T1c oder T2a, Gleason-Score bis 6, PSA weniger als 10ng/ml; zudem maximal 2 befallene Biopsieproben auf derselben Seite) stellte sich nach der radikalen Prostatektomie bei fast zwei Dritteln der Patienten ein beidseitiges oder kapselüberschreitendes Wachstum heraus. Die Vorhersage für eine einseitige, lokal begrenzte Tumorausbreitung war mittels PSA-Wert, freiem PSA (s. PSA-Bestimmung), T-Stadium, Prostatavolumen und Zahl der befallenen Biopsiezylinder nicht möglich. Diese Unsicherheiten sollten berücksichtigt werden, wenn eine auf eine Seite begrenzte Therapie zur Wahl steht.

Eine andere Untersuchung (Waldert) beschäftigte sich mit der Frage, welche Faktoren die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Gleason-Score nach einer Prostataoperation nach oben korrigiert werden muss (Upgrading). Von 1470 Männern nach Mehrfach-Biopsie und radikaler Prostatektomie war bei 49% nach 6-fach-Biopsie, bei 37% nach 8-fach-Biopsie und bei 24% nach erweiterter Biopsie ein Upgrading nötig. Unabhängig von einander wurde es zudem wahrscheinlicher bei geringem Prostatavolumen, hohem PSA-Wert, geringer Zahl befallener Proben und niedrigem Gleason-Score in der Biopsie.

Dass sich mittels Saturationsbiopsie (Sättigungsbiopsie mit mindestens 20 Proben nach vorheriger negativer Biopsie) in den letzten Jahren immer seltener Prostatakrebs entdecken ließ, wurde in Österreich festgestellt (Kunit). Eine solche hatten 560 Männer erhalten, die zuvor schon mindestens zweimal biopsiert worden waren und bei denen der PSA-Wert erhöht war oder angestiegen ist oder sich der Tastbefund (s. auch DRU) geändert hatte. Die Entdeckungsrate von Prostatakarzinomen betrug von 2001 bis 2003 etwa 40%, von 2006 bis 2008 hingegen nur noch knapp 25%.

Um unnötige ausgedehnte Biopsien (Saturationsbiopsien) zu vermeiden, wurde ein Nomogramm entwickelt auf Basis von 540 solcher Untersuchungen nach mindestens einer vorausgegangenen negativen Biopsie (Balzer). Damit lässt sich die Wahrscheinlichkeit bestimmen, bei der Saturationsbiopsie Prostatakrebs zu entdecken. Das Nomogramm bezieht folgende Parameter ein: Alter des Patienten, Prostatavolumen, PSA-Wert, freies PSA, Zahl der vorherigen Biopsien und Vorhandensein einer ASAP (atypische mikroazinäre Proliferation, verdächtiges Gewebe) in der früheren Biopsie. Mangels Aussagekraft nicht einbezogen sind der Tastbefund und das Vorhandensein einer HG-PIN (hochgradige prostatische intraepitheliale Neoplasie, Krebsvorstufe) in der früheren Biopsie.

Quellen

61. Kongress der DGU (Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V.), Dresden, 16.-19.9.09, Postersitzung 16 „Prostatakarzinom: Therapie lokalisierter Tumoren (2)“ am 18.9.09:

  • Diedrich, M., et al.: Einfluss der Biopsiezylinderanzahl auf die Vorhersagegenauigkeit der Partin-Tabellen. Poster und Abstract P 16.3, Urologe 2009; 48 (Suppl 1): 71–72
     

61. Kongress der DGU (Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V.), Dresden, 16.-19.9.09, Postersitzung 17 „Prostatakarzinom Diagnostik“ am 18.9.09:

  • Balzer, O., et al.: Development of an accurate nomogram predicting the probability of prostate cancer at saturation biopsy in patients with previous negative biopsies. Abstract P 17.9, Urologe 2009; 48 (Suppl 1): 78
  • Kunit, T., et al.: Abnahme der Karzinomentdeckungsrate bei der Saturationsbiopsie der Prostata. Abstract P 17.8, Urologe 2009; 48 (Suppl 1): 78
  • Musch, M., et al.: Vorhersage und Inzidenz insignifikanter Prostatakarzinome in einer mittels standardisierter 12-fach Prostatastanzbiopsie diagnostizierten, unselektierten Population. Poster und Abstract P 17.5, Urologe 2009; 48 (Suppl 1): 77
  • Vogel, S., et al.: Die Vorhersage eines unilateralen Prostatakarzinoms ist mittels 10-facher Biopsie nicht mit ausreichender Verlässlichkeit möglich. Abstract P 17.6, Urologe 2009; 48 (Suppl 1): 77
  • Waldert, M., et al.: Ist ein kleines Prostatavolumen ein unabhängiger Prädiktor für das Gleason Score Upgrading von Biopsie auf radikales Prostatektomiepräparat? Abstract P 17.7, Urologe 2009; 48 (Suppl 1): 77–78
     

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