PCA3 zur Diagnose des Prostatakarzinoms

Auf diesem speziellen Gen basiert ein neuer (und teurer) Urintest. Nach Untersuchungen, die auf dem deutschen Urologenkongress 2008 vorgestellt wurden, kann er aber die Entscheidung zur Rebiopsie (erneuten Probeentnahme) erleichtern.

Wenn bösartige Zellen ein normalerweise abgeschaltetes oder wenig aktives Gen (DNA-Abschnitt) aktivieren, wird dessen Information in mRNA umgeschrieben und anschließend in ein Eiweiß (Genprodukt) „übersetzt“. Man spricht dann von Expression beziehungsweise Überexpression dieses Gens, der speziellen mRNA und des spezifischen Genprodukts. Forscher suchen gezielt danach, um sie als Biomarker zu verwenden, um also mit ihrer Hilfe bösartige Zellen besser von gutartigen zu unterscheiden oder - im Idealfall - eindeutig zu identifizieren: Sie entwickeln Präparate, die sich mit dem Biomarker verbinden, um zum Beispiel den Biomarker im Blut oder anderen Körperflüssigkeiten nachzuweisen, die Tumorzellen in Gewebeproben anzufärben, den Tumor im Körper mit einem bildgebenden Verfahren darzustellen oder ihn sogar zu behandeln.

Beim Prostatakarzinom sind bereits zahlreiche Genprodukte bekannt, die überexprimiert werden, darunter das PSA (Prostata-spezifisches Antigen) und das PSMA (Prostata-spezifisches Membranantigen, s. auch unter Nanomedizin bei Prostatakrebs). Die Überexpression von PCA3 (engl. prostate cancer gene 3) scheint am stärksten zu sein. Es, genauer seine mRNA lässt sich mittels eines neuen Tests im Urin bestimmen, allerdings muss zuvor das Prostatasekret vom Mastdarm aus in die Harnröhre ausmassiert werden. Im Labor wird dann der PCA3-Wert gemessen (PCA3-Score = PCA3-mRNA / PSA-mRNA x 1000). Zum PCA3-Test wurden jetzt neue Untersuchungen vorgestellt:

In die erste (Haese 1-3) waren 432 Männer eingeschlossen, die sich einer Rebiopsie (erneuten Probeentnahme) unterziehen mussten. Bei knapp 28% von ihnen wurde ein Tumor gefunden. Dabei ergab sich, dass das PCA3 die Wahrscheinlichkeit einer positiven Biopsie genauer anzeigt als die anderen untersuchten Faktoren Alter, PSA, %fPSA (freies PSA im Blut, s. PSA-Bestimmung), DRU (Tastuntersuchung) und PV (Prostatavolumen). Auch in einem Modell, in dem diese Faktoren zusammengefasst waren, stieg die Vorhersagegenauigkeit durch Hinzuziehung des PCA3 deutlich (von 66,8% auf 71%). Die Autoren folgerten daraus, dass PCA3 alle Kriterien eines unabhängigen, klinisch nützlichen Markers erfüllt (zur Entscheidung über eine Rebiopsie).

Dies wird unterstützt von einer klinischen Studie (Haese 4), in der die Ergebnisse von 463 Männern ausgewertet wurden, bei denen nach 1 oder 2 negativen Biopsien eine Rebiopsie anstand. Auch hier fand sich bei knapp 28% ein Prostatakarzinom. Die PCA3-Werte waren außerdem deutlich niedriger bei einem Gleason-Score unter 7 (im Vergleich zu einem Wert ab 7), im Stadium T1c (im Vergleich zu T2, TNM-System s. Wachstum und Ausbreitung) und bei einem insignifikanten Tumor (nicht behandlungsbedürftig, nach Epstein-Kriterien).

Nach einer (wohl ergänzenden) Laboruntersuchung (Barthel) enthielten 467 (99,4%) von 470 Urinproben genügend PCA3-mRNA zur Analyse. Sie stammten von Männern, bei denen mindestens eine Biopsie negativ ausgefallen war. Bei 463 Proben war der PCA3-Score (s.o.) im Mittel erheblich höher, wenn die anschließende Rebiopsie positiv ausfiel, als wenn sie ein negatives Ergebnis erbrachte (63,8 gegenüber 35,5). Die Autoren vermerkten zudem die einfache Gewinnung der Proben und ihre Robustheit sowie die Zuverlässigkeit des Tests.

Mehr über den Test lässt sich einem Interview mit Professor Stenzl entnehmen: Bei einer Biopsie aufgrund eines erhöhten PCA3-Werts ist die „Trefferquote“ deutlich höher als bei einer Biopsie wegen eines PSA-Werts von 4-10ng/ml (60% gegenüber 25-40%). Der Test wurde bislang zur Entscheidung über eine Rebiopsie bei nach wie vor erhöhtem PSA-Wert herangezogen und wird auch immer wichtiger bei der Entscheidung zur Erstbiopsie, zum Beispiel bei einem grenzwertigen PSA. Seine Aussagekraft wurde bislang an mehr als 1.000 Patienten untersucht. Er ergänzt die Diagnostik, die auf DRU (Tastuntersuchung), PSA und TRUS (transrektaler Ultraschall) beruht, wird die Zahl unnötiger Biopsien senken, unentdeckte Tumoren aufdecken und die Unterscheidung zwischen signifikanten (behandlungsbedürftigen) und insignifikanten Tumoren wohl erleichtern.

Von Nachteil, so Professor Stenzl weiter, sei der hohe Preis des Tests und die geringe Bereitschaft vieler Krankenkassen zur Kostenübernahme. Er weist zudem darauf hin, dass PCA3 derzeit Gegenstand intensiver Forschung ist. Es scheint spezifisch für das Prostatakarzinom zu sein, so dass es sich vielleicht einmal auch zur Diagnostik von Metastasen und zur Therapie verwenden lässt.

Quellen:

  • Bartel, J., et al.: Implementation of the PCA3 Assay in a clinical laboratory for routine determination of PCA3 Score to aid in prostate cancer diagnosis. 60. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Stuttgart, 24.-27.9.08, Poster und Abstract P 15.5, Urologe 2008 (Suppl 1):66
  • Haese, A.: Prostate Cancer Gene 3 (PCA3): Kann Prostatakrebs künftig besser diagnostiziert werden? Thieme, Stuttgart, 60. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Current congress S. 10
  • Haese, A.: Stellenwert PCA3. Ein klinisch relevanter, unabhängiger Prädiktor des PCas bei Patienten die einer Rebiopsie unterzogen werden. Biermann, Köln, Urologische Nachrichten 9/08, 1. Ausgabe zum 60. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie 2008, S. 24
  • Haese, A., et al.: Prostate Cancer Gene 3 (PCA3): Ein klinisch relevanter, unabhängiger Prädiktor des Prostatakarzinoms in Patienten die einer Rebiopsie unterzogen werden. 60. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Stuttgart, 24.-27.9.08, Abstract V 6.7, Urologe 2008 (Suppl 1):86
  • Haese, A., et al.: Die Bedeutung der Prostate Cancer Gene3 (PCA3)-Bestimmung zur Biopsieentscheidung bei persistierendem Verdacht auf Prostatakarzinom (PCa) in Patienten mit vorher negativer Biopsie (Bx): Ergebnisse einer prospektiven europäischen Multicenterstudie. 60. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Stuttgart, 24.-27.9.08, Abstract P 15.6, Urologe 2008 (Suppl 1):67
  • Schneider, S., et al.: Molekulargenetische Marker des Prostatakarzinoms. Urologe 2008 47:1208-1211
  • Stenzl, A. (Interview): Wie gut ist der PCA-3-Test? Biermann, Köln, Urologische Nachrichten 7/08 S. 17
     

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