Radikale Prostatektomie bei Prostatakarzinom

Die Entfernung der Prostata kommt insbesondere bei lokal begrenztem Prostatakrebs ohne klinisch erkennbare Metastasen in Betracht. Es gibt verschiedene Operationstechniken, auch mit Schonung der Erektionsnerven. 

Die radikale Prostatektomie (RPE, komplettes Entfernen der Prostata) ist eine Behandlung mit kurativer (heilender) Absicht. Denn sie hat zum Ziel, den Tumor vollständig im Gesunden zu entfernen. Sie sollte deshalb vor allem bei Prostatakarzinomen eingesetzt werden, die sich sehr wahrscheinlich restlos entfernen lassen (sog. R0-Resektion; s. hierzu auch TNM-System). Dies ist der Fall, wenn die Ränder des entfernten Gewebes (Resektionsränder) tumorfrei sind und noch keine Metastasen vorliegen, auch keine nur mikroskopisch sichtbaren (Mikrometastasen).

Neben der Heilung sind weitere Ziele, die Harnkontinenz und – bei geeigneten Patienten – die Erektionsfähigkeit zu erhalten. Die RPE soll nur unter Leitung eines erfahrenen Operateurs durchgeführt werden. Dazu gehört die Durchführung von jährlich mindestens 50 derartiger Eingriffe in
einer Einrichtung und von 25 pro Operateur sowie ein entsprechendes Ausbildungsprogramm.

Bei der Entscheidung für oder gegen die RPE helfen PSA-WertGleason-Score, gezielte Biopsien sowie spezielle Tabellen (Nomogramme). Wichtig ist auch zu wissen, dass das klinische, also mittels Untersuchungen festgestellte TNM-Stadium (s. Wachstum und Ausbreitung, z.B. cT2b cN0 M0) sowohl über- als auch unterschätzt sein kann. Außerdem lässt sich das pathologische Stadium (z.B. pT2b pN0 M0) nur durch die Untersuchung des bei einer Operation entfernten

Operation bei lokal begrenztem Prostatakrebs

Die RPE ist eine Möglichkeit zur primären Behandlung des klinisch (d.h. mittels Untersuchungen festgestellten) lokal begrenzten Prostatakarzinoms (cT1-2 N0 M0) bei Patienten aller Risikogruppen (zu diesen Gruppen s. Behandlungsplanung). In einer Studie wurde die Effektivität der RPE im
Vergleich zum abwartenden Beobachten (engl. watchful waiting) gezeigt: Bei Patienten ohne Metastasen (T1b-T2 N0 M0), mit einem PSA-Wert von weniger als 50ng/ml und mit einer Lebenserwartung von mindestens 10 Jahren senkt sie die Häufigkeit des Fortschreitens der Erkrankung, das
Risiko für Fernmetastasen, die Sterblichkeit an Prostatakrebs und die Sterblichkeit insgesamt deutlich. Hierüber soll der Patient aufgeklärt werden, ebenso über die Möglichkeit und Grenzen der potenzerhaltenden Operationstechnik (s.u. Nervenschonung).

Patienten mit hohem Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung und dem Wunsch nach einer RPE sollen darüber aufgeklärt werden, dass das Risiko für positive (tumorbefallene) Schnittränder, für das „Wiederkehren“ der Erkrankung (Rezidiv) und für deshalb notwendige Maßnahmen (z.B. 
Hormontherapie, Strahlentherapie) höher sind als bei niedrigem oder mittlerem Risiko.

Operation bei lokal fortgeschrittenem Prostatakrebs

Die RPE ist eine Möglichkeit zur primären Behandlung des klinisch lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinoms (cT3-4 N0 M0). Patienten mit einem solchen Tumor sollen zuvor über die Vor- und Nachteile aufgeklärt werden, und zwar sowohl die einer RPE mit Lymphknotenentfernung (s.u.
Lymphadenektomie) als auch die einer Strahlentherapie (ggf. mit einer zusätzlichen, zeitlich befristeten Hormontherapie). Zur RPE bei hohem Risiko s. vorheriger Absatz.

Operation bei Lymphknotenbefall

Bei einem histologisch gesicherten Lymphknotenbefall stehen für die lokale Behandlung die RPE und die Strahlentherapie zur Verfügung, für die systemische (allgemeine) Behandlung die sofortige oder verzögerte Hormontherapie. Ein verlässlicher Vergleich der Verfahren, entweder alleine oder in Kombination, ist aufgrund der derzeitigen Datenlage nicht möglich. Die Entscheidung ist daher individuell zu treffen (s. auch unten bei Lymphadenektomie). Ein bereits klinisch erkennbarer Lymphknotenbefall (cN1) erweist sich bei histologischer Untersuchung meist als ausgeprägt.

Zugangswege bei der Operation

Die Prostata liegt tief im kleinen Becken, unterhalb der Harnblase und oberhalb des Beckenbodens (s. auch Anatomie der Prostata). Sie ist operativ auf zwei Wegen erreichbar: Entweder von unten, über einen Hautschnitt am Damm (Perineum, deshalb perineale RPE, PRPE genannt)
oder von oben, vom Bauch aus. Im zweiten Fall gibt es wiederum verschiedene Möglichkeiten:

  • Über einen senkrechten Hautschnitt am Unterbauch oberhalb des Schambeins (Os pubis) und dann ohne Eröffnung des Bauchfells vor der Harnblase und hinter dem Schambein (retropubisch, deshalb offene RPE oder retropubische RPE, RRPE genannt).
  • Oder durch mehrere kleine Hautschnitte am Unterbauch (meist 5), über die ein Endoskop und andere Instrumente eingeführt werden („Schlüssellochchirurgie“, minimal invasive Operation), entweder durch den Bauchraum (laparoskopische RPE, LRPE)
  • oder außerhalb des Bauchfells (Peritoneum, deshalb endoskopische extraperitoneale RPE, EERPE genannt). Beide endoskopischen Verfahren sind auch mit Unterstützung durch Roboter möglich.

Die offen durchgeführte retropubische radikale Prostatektomie (RRPE) ist die am besten untersuchte Technik, an der sich alle anderen Verfahren messen müssen. Jedes hat seine eigenen Vorteile und möglichen Nachteile, so dass die Auswahl individuell getroffen werden muss. In 
geübter Hand scheinen alle gleich gut zu sein (mehr zu den Zugangswegen und Robotersystemen siehe Minimal invasive radikale Prostatektomie bei Prostatakarzinom und „Roboter-Operation“ bei Prostatakrebs).

Ablauf der Operation

Bei einer typischen retropubischen RPE (RRPE) werden in Vollnarkose oder „Rückenmarksnarkose“ nach dem Hautschnitt am Unterbauch zunächst Lymphknoten aus der Nähe der Prostata entnommen und sofort histologisch (feingeweblich) auf einen Krebsbefall untersucht (Schnellschnittuntersuchung). Dann durchtrennt man die Harnröhre zwischen Prostataspitze (Apex) und Beckenboden, legt die Prostata ringsum frei (ggf. unter Schonung der Gefäß-Nerven-Bündel, s.u. Nervenschonung), durchtrennt die beiden Samenleiter, löst die beiden Samenblasen aus ihrem Bett und schneidet schließlich die letzte Verbindung oberhalb der Prostata am Blasenhals durch.

Damit wird also ein Block aus Prostata samt der darin befindlichen Harnröhre, innerem Schließmuskel, Samenblasen und Samenleiter-Endstücken entfernt. Anschließend vernäht man die Harnröhre über einem eingelegten Dauerkatheter mit dem Blasenhals, entfernt gegebenenfalls weitere Lymphknoten (s.u. Lymphadenektomie), legt Wunddrainagen ein und verschließt den Hautschnitt.

Die Vorgehensweise bei den anderen Techniken unterscheidet sich hiervon etwas. Das entnommene Gewebe wird aber in jedem Fall histologisch untersucht, woraus sich die postoperative Tumorklassifikation (Typ und Malignität, z.B. Gleason-Score, s. Klassifikation) und das pathologische
TNM-Stadium (s. Wachstum und Ausbreitung) ergeben. Letzterem wird bei tumorfreien Schnitträndern ein R0 (Rand Null) hinzugefügt, ansonsten ein R1, R2 oder R+, was einen Resttumor, also eine unvollständige Tumorentfernung bedeutet.

Die RPE dauert etwa 2, mit Lymphadenektomie etwa 3 Stunden. Im Aufwachraum werden dann schon Infusionen zur Deckung des Flüssigkeitsbedarfs und Schmerzmittel gegeben. Wenige Patienten verbringen die erste Nacht unter Beobachtung auf der Intensivstation, die meisten werden noch am selben Tag auf die Normalstation verlegt. Trinken ist zumeist bereits am OP-Tag erlaubt, ein langsamer Kostaufbau erfolgt, wenn der Darm wieder arbeitet. Am Tag nach der Operation kann man in der Regel mit Hilfe des Pflegepersonals aufstehen.

Die Wunddrainagen werden nach 3-5 Tagen entfernt, frühestens dann ist eine Entlassung möglich (nach offener Operation in der Regel nach 7-12, sonst nach 5-8 Tagen). Die Anastomose (neue Verbindung) der Harnröhre kann der Arzt nach 5-10 Tagen mittels Röntgenkontrastdarstellung oder TRUS (transrektaler Ultraschall) überprüfen. Ist sie dicht, kann der Dauerkatheter entfernt werden. In den ersten Tagen danach fließt der Urin eventuell noch unkontrolliert ab. Eine Schonung ohne körperliche Anstrengung bis etwa sechs Wochen nach der Operation unterstützt die
Heilung und hilft, Spätkomplikationen zu vermeiden (s. auch den Abschnitt Rehabilitation).

Normalerweise sinkt der PSA-Wert in den ersten Wochen nach der Operation in den (für jedes Messverfahren gesondert) definierten Nullbereich. Ist das nicht der Fall, spricht dies für verbliebene Tumorreste oder Metastasen, so dass eine weitere Behandlung ratsam sein kann (s.u. Rezidivtherapie). Letzteres gilt auch für einen späteren PSA-Anstieg nach einem anfänglichen Abfall in den Nullbereich (s.u. Rezidivtherapie).

Nervenschonung

Unmittelbar an der Prostatakapsel entlang und größtenteils in zwei hinten-seitlich liegenden Bündeln zusammengefasst ziehen Blutgefäßeund Nerven zur Prostata und teilweise auch zum Penis. Darunter sind Nervenfasern (Nervi erigentes), die für die Erektion (Gliedversteifung, Potenz) sorgen. 

Die nervenschonende Operationstechnik bei der RPE wird nach ihrem Erstbeschreiber auch Walsh-Methode genannt. Sie hat zum Ziel, diese beiden Gefäß-Nerven-Bündel zu erhalten, oder auch nur das auf der nicht betroffenen Seite, um eine spätere Störung der Erektion zu vermeiden
(erektile Dysfunktion, s.u. Komplikationen). Allerdings lassen sich die Bündel nur schwer von der Prostata trennen, und es ist bekannt, dass sich das Prostatakarzinom bevorzugt entlang der die Kapsel durchbrechenden Gefäße und Nerven ausbreitet, auch aus der Prostata hinaus.

Der Patient sollte über die Möglichkeit und Grenzen einer nervenschonenden RPE aufgeklärt werden. So ist anhand der Befunde (z.B. Lage des Tumors, PSA-Wert, Gleason-Score) abzuwägen, welches Risiko für positive Schnittränder (also für eine unvollständige Tumorentfernung) die
ein- oder beidseitige Nervenschonung im konkreten Fall birgt. Bei hohem Risiko sollte der Arzt gegebenenfalls von der Nervenschonung abraten. Der Patient sollte jedoch selbst entscheiden, welches Risiko er für eine nervenschonende Operation übernehmen will (zu diesem Thema s. auch
Nervenschonung bei radikaler Prostatektomie).

Lymphadenektomie

Die Lymphadenektomie (Lymphknotenentfernung) ist die beste Methode, um einen Befall zu erkennen, birgt jedoch zusätzliche Risiken. Vor einer RPE ist zu klären, ob und in welchem Ausmaß (begrenzt, standardmäßig oder erweitert) sie erfolgen soll. 

Patienten mit einem lokal begrenzten Prostatakarzinom sollen über das Risiko einer Lymphknotenmetastasierung und über die Vor- und Nachteile einer Lymphadenektomie aufgeklärt werden. Bei einem Tumor mit einem niedrigen Risiko für ein Fortschreiten (cT1c und PSA weniger als 10ng/ml und Gleason-Score bis 6) kann man auf die Lymphadenektomie verzichten. Wird sie durchgeführt, sollten mindestens 10 Lymphknoten entfernt werden. Je ausgedehnter sie erfolgt, desto wahrscheinlicher ist ein Befall nachzuweisen, so dass sich damit die Prognose besser abschätzen und gegebenenfalls eine unterstützende Behandlung (s.u. adjuvante Therapie) früh einleiten lassen. Dass eine erweiterte Lymphadenektomie ohne adjuvante Therapie einen Überlebensvorteil für Patienten mit oder ohne Lymphknotenbefall bietet, ist nicht bewiesen. Es gibt jedoch Hinweise auf eine Verlängerung der Zeit ohne weiteres Fortschreiten der Erkrankung.

Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinom haben ein höheres Risiko für Lymphknotenmetastasen als Patienten mit einem lokal begrenzten Tumor. Es gibt bislang keinen Beleg dafür, dass sich bei ihnen eine Lymphadenektomie positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Diese scheint nur dann eine Chance auf Heilung zu bieten, wenn höchstens ein Lymphknoten befallen ist. Sie bildet aber die Grundlage für die Entscheidung über eine adjuvante Therapie (s.u.). Wegen des erhöhten Risikos für einen Befall sollten bei Patienten mit einem cT3-Tumor 
grundsätzlich Lymphknoten zur histologischen (feingeweblichen) Abklärung entfernt werden. Falls dies nicht möglich ist, sollte man das Risiko anhand der Befunde oder mit Nomogrammen abschätzen. Falls eine Entnahme möglich ist, sollte der Arzt dem Patienten vor der RPE eine erweiterte Lymphadenektomie empfehlen. 

Eine Lymphadenektomie ist bei allen RPE-Verfahren möglich. Bei der perinealen RPE erfordert sie jedoch einen zweiten Zugang oder wird vorher in einem gesonderten Eingriff endoskopisch durchgeführt.

Sentinel-Lymphadenektomie:

Hierbei spritzt man am Tag vor der RPE einen radioaktiv markierten Stoff in die Prostata, der in die Lymphknoten abtransportiert wird. So lassen sich während der Operation die so genannten Wächterlymphknoten (Sentinel-Lymphknoten, engl. sentinel
lymph node, SLN) mit Hilfe eines Messgeräts (Gammasonde, s. auch Gammastrahlen) aufspüren und entfernen. Das sind jene, die der Tumor meist zuerst befällt, die aber bei jedem Menschen woanders liegen. Ob danach eine erweiterte Lymphadenektomie durchgeführt wird, hängt vom
Risiko für einen Befall und/oder vom Ergebnis der Schnellschnittuntersuchung ab. Erweisen sich die Sentinel-Lymphknoten als tumorfrei, sind Metastasen in anderen Lymphknoten sehr unwahrscheinlich. Nach vorheriger Prostataoperation oder Hormontherapie sowie bei ausgedehntem Krebsbefall kann das Verfahren versagen und ist bei der roboterassistierten RPE derzeit nicht möglich. 

Komplikationen der Operation

Wie bei jeder großen Operation kann es bei der RPE zu Komplikationen kommen. Die Operationsmethode beeinflusst deren Art, Häufigkeit und Schwere nur wenig, eine lange Erfahrung des Operateurs und immer feinere Techniken wirken sich dagegen positiv aus. So genannte perioperative Komplikationen treten während und direkt nach der Operation auf; dies sind in der Regel Blutungen. Im Unterschied dazu betreffen Spätkomplikationen meist die neue Verbindung (Anastomose) der Harnröhre (Undichtigkeit oder Verengung = Striktur von Blasenhals oder Harnröhre durch Narben) oder die Lymphgefäße (z.B. nach Lymphknotenentfernung Bildung einer Lymphozele = örtliche Ansammlung von Gewebeflüssigkeit). Besonderheiten sind:

Harninkontinenz:

Nach der RPE muss der äußere Schließmuskel den unfreiwilligen Urinverlust in der Regel alleine verhindern. Ist dieser geschädigt oder überlastet, folgt eine Belastungsinkontinenz, was den Abgang von Urin bei einer mehr oder weniger großen Belastung (z.B. durch Husten, Lachen, Sport) bedeutet. Dies betrifft im Schnitt weniger als jeden zehnten Patienten ein Jahr nach RPE (die Zahlen reichen von 0% bis 20%, je nach Strenge der Kriterien und der subjektiven oder objektiven Beurteilung). Die Nervenschonung (s.o.) kann die Kontinenzrate verbessern. Eine mögliche Harninkontinenz lässt sich mit zahlreichen Methoden behandeln (z.B. Beckenbodentraining, Medikamente, Vorlagen, Operation), die Einpflanzung eines künstlichen Schließmuskels ist nur in 1% der Fälle nötig (mehr zum Thema siehe Rehabilitation und Harninkontinenz).

Erektile Dysfunktion:

Die Erektion (Gliedversteifung) ist nach einer RPE bei fast allen Männern gestört. Sie erholt sich jedoch vor allem bei Männern oft wieder, die vor der Operation potent waren und mit beidseitiger Nervenschonung (s.o.) operiert wurden. Zur Behandlung stehen zahlreichen Methoden zur Verfügung, die Transplantation von Nerven als Ersatz eines entfernten Gefäß-Nerven-Bündels ist noch Gegenstand von Studien (mehr zum Thema siehe Rehabilitation und Erektile Dysfunktion).

Anmerkung zur Sexualfunktion:

Die RPE selbst beeinträchtigt weder das Berührungsempfinden der Haut (z.B. am Penis) noch die Libido („Lust“) oder die Fähigkeit zum Orgasmus. Diese können jedoch anders erlebt werden oder aus psychischen Gründen gestört sein (z.B. durch eine depressive Verstimmung wegen der schweren Krankheit). Im Gegensatz dazu geht der Samenerguss stets verloren (trockener Erguss), weil die Samenleiter nicht mehr in die Harnröhre münden und die Hauptbildungsstätten der Samenflüssigkeit, Prostata und Samenblasen entfernt sind.

Adjuvante Therapie

Gelegentlich kann je nach den individuellen Befunden vor oder nach der RPE eine adjuvante (unterstützende) Therapie nötig sein: Eine adjuvante perkutane Strahlentherapie (Bestrahlung von außen nach RPE, s. auch Strahlentherapie), eine neoadjuvante Hormontherapie (vor RPE) oder eine adjuvante Hormontherapie (nach RPE):

Adjuvante perkutane Strahlentherapie:

Damit bezeichnet man eine Bestrahlung von außen (Energiedosis 60-64Gy) nach einer RPE, wenn der PSA-Wert nach der Operation in den (für jedes Messverfahren gesondert) definierten Nullbereich abgefallen ist (zum nicht so weit abgefallenen und zum wieder angestiegenen PSA-Wert s.u. Rezidivtherapie, zur Methode s. Strahlentherapie). Sie soll spätestens 4 Monate nach der Operation beginnen. Patienten mit einem pT3pN0-Tumor mit positivem (tumorbefallenem) Schnittrand soll eine solche Therapie unter Aufklärung über Nutzen und Risiken als Option angeboten werden. Ein gleiches Angebot sollten Patienten mit einem pT3-Tumor und negativem Schnittrand, aber anderen Risikofaktoren (z.B. Samenblasenbefall) erhalten, wobei der erwartete Effekt geringer ist als bei positivem Schnittrand. Patienten mit einem pT2-Tumor mit positivem Schnittrand
kann man ein solches Angebot unterbreiten. In allen drei Fällen soll bei der Aufklärung die Alternative genannt werden, eine perkutane Strahlentherapie erst beim PSA-Anstieg aus dem definierten Nullbereich (sog. Salvage-Strahlentherapie, s.u. Rezidivtherapie).

Neoadjuvante Hormontherapie:

Bei Patienten mit einem klinisch lokal begrenzten Prostatakrebs soll, bei Patienten mit einem klinisch lokal fortgeschrittenen Tumor sollte vor der RPE keine (neoadjuvante) Hormontherapie durchgeführt werden.

Adjuvante Hormontherapie:

Damit bezeichnet man eine Hormontherapie, die zeitnah nach einer RPE begonnen wird, nach welcher der PSA-Wert in den definierten Nullbereich abgefallen ist und keine Krankheitszeichen seitens des Tumors bestehen. Eine solche Therapie soll nicht erfolgen, 
wenn nach der RPE histologisch (feingeweblich) ein lokal begrenzter Tumor nachgewiesen wurde. Dies gilt auch bei einem lokal fortgeschrittenen Tumor ohne Lymphknotenmetastasen. Bei histologisch gesicherten Lymphknotenmetastasen kann sie hingegen angeboten werden.

Rezidivtherapie

Wenn der PSA-Wert nach der RPE zunächst in den definierten Nullbereich abgefallen ist, später aber wieder auf mehr als 0,2ng/ml ansteigt, was durch mindestens zwei Messungen im Abstand von zwei Wochen bestätigt sein muss, spricht man von einem biochemischen Rezidiv (BCR,
Labor-Zeichen für ein Wiederauftreten der Erkrankung). Dieses kann verursacht sein durch ein Wiederauftreten des Tumors am ursprünglichen Ort (Tumorrezidiv, „Lokalrezidiv“) oder das Wachstum von Metastasen (Tochtergeschwülsten) in Lymphknoten oder an anderen Stellen des
Körpers („systemisches Rezidiv“, s. hierzu auch im Lexikon unter Rezidiv). 

Eine Biopsie ist zur Sicherung eines Lokalrezidivs nach RPE nicht nötig. Falls bei einem Patienten mit einem biochemischen Rezidiv (BCR) nach RPE eine lokale Behandlung (s.u.) in Betracht gezogen wird, soll eine Unterscheidung zwischen einem lokalen und einem systemischen Rezidiv
angestrebt werden, und zwar anhand der PSA-Verdoppelungszeit (PSA-DT), der Zeit zwischen RPE und PSA-Anstieg sowie des Gleason-Score im entfernten Gewebe: Je kürzer die PSA-DT (z.B. weniger als 3 Monate) und der Abstand zur Operation und je höher der Gleason-Score (mehr als 7), desto wahrscheinlicher handelt es sich um ein systemisches Rezidiv, bei dem eine Hormontherapie infrage kommt. Letztere ist beim biochemischen Rezidiv jedoch keine Standardtherapie.

Bei Patienten mit einem BCR nach RPE soll keine PET/CT zur Beurteilung der Tumorausdehnung erfolgen, wenn der PSA-Wert unter 1ng/ml liegt. Ebenso sollte keine Skelettszintigraphie durchgeführt werden, wenn der Patient keine Beschwerden hat und sein PSA-Wert unter 10ng/ml beträgt.

Für das als lokal eingeschätzte Rezidiv gibt es folgende Empfehlungen: Bei Patienten mit günstigen Kriterien (z.B. ältere Patienten, PSA-DT mehr als 10 Monate, PSA-Anstieg mehr als 2 Jahre nach RPE, Gleason-Score unter 8, kein Befall von Samenblasen oder Lymphknoten) ist das abwartende Verhalten eine Option (s. Aktive Überwachung). Bei Patienten, deren Lymphknoten nachweislich nicht befallen oder nicht beurteilbar sind (pN0 oder NX), sollte eine Bestrahlung von außen, eine so genannte perkutane Salvage-Strahlentherapie (SRT, Energiedosis mindestens 66Gy) des früheren Prostatagebiets als Option angeboten werden. Sie soll möglichst früh beginnen (schon bei einem PSA von weniger als 0,5ng/ml). Ist dies der Fall und sind die Lymphknoten nicht befallen (pN0), sollten die Lymphabflusswege nicht mitbestrahlt werden. Die SRT dient auch als Alternative zur adjuvanten perkutanen Strahlentherapie (s.o. Adjuvante Therapie).

Wenn der PSA-Wert nach der RPE nicht in den definierten Nullbereich abgefallen ist (sog. persistierender PSA-Wert), kann die Behandlung nach den gleichen Prinzipien erfolgen wie beim eben genannten biochemischen Rezidiv.

Quellen (u.a.)

  • Leitlinienprogramm Onkologie (Hrsg.): Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms. Version 3.1, Oktober 2014. Neueste Version verfügbar auf der Website der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften e.V.) über die Seite dieser Leitlinie als PDF
  • Mottet, N., et al.: Guidelines on prostate cancer. European Association of Urology (EAU), 5/2015. Neueste Version verfügbar auf der EAU-Website über die Seite der onkologischen Leitlinien als PDF (englisch)
  • Rübben, H. (Hrsg.): Uroonkologie. 4. Auflage, Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-33847-5 
  • Ganzer, R., et al.: Laparoskopische radikale Prostatektomie. Urologe 2015; 54: 172-177, DOI 10.1007/s00120-014-3664-4 
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  • Ohlmann, C.-H., et al.: Nachsorge urologischer Tumorbehandlungen. Urologe 2015; 54: 1223-1233, DOI 10.1007/s00120-015-3936-7 
  • Thomas, C., et al.: Robotisch assistierte radikale Prostatektomie. Urologe 2015; 54: 178-182, DOI 10.1007/s00120-014-3665-3
  • Weckermann, D., et al.: Konzept des Sentinellymphknotens. Ermutigende Erfahrungen bei urologischen Entitäten. Uro-News 2008; 9: 46-50
  • Wirth, M., et al.: Minimal-invasive vs. offen-chirurgische Verfahren in der Therapie des Prostatakarzinoms. Urologe 2015; 54: 210-212, DOI 10.1007/s00120-014-3669-z

Autoren: Prof. Dr. med. J. Sökeland und Dr. med. Hubert E. Weiß,

Informationen zur Operation bei Prostatakrebs finden Sie auch in der Broschüre Die Radikaloperation der Prostata beim Prostatakarzinom